{"id":25757,"date":"2015-02-08T02:29:37","date_gmt":"2015-02-08T01:29:37","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=25757"},"modified":"2015-02-08T02:31:11","modified_gmt":"2015-02-08T01:31:11","slug":"ein-verleugnetes-verbrechen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=25757","title":{"rendered":"Ein verleugnetes Verbrechen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" src=\"http:\/\/img.geo.de\/div\/image\/72514\/armenien.jpg\" alt=\" (Foto von: Library of Congress)\" width=\"252\" height=\"160\" \/>Im November 1914 tritt das krisengeschw\u00e4chte  Osmanische  Reich in den Ersten Weltkrieg ein. Als sich ein halbes Jahr  sp\u00e4ter eine  kleine Gruppe von Armeniern gegen die t\u00fcrkische Herrschaft  erhebt,  antwortet die Regierung mit beispielloser Gewalt: Ihre Schergen  treiben  die Angeh\u00f6rigen der christlichen Minderheit in Todesm\u00e4rschen  Richtung  S\u00fcden. Dabei sterben mehr als eine Million Menschen &#8211; ein  V\u00f6lkermord,  den die T\u00fcrkei bis heute leugnet<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Text von                          Frank Otto und Tobias V\u00f6lker<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der  Genozid an den Armeniern ist der erste millionenfache Mord des 20.   Jahrhunderts. Ein Verbrechen von ungeheuerlichen Dimensionen &#8211; befohlen   von der Regierung des Osmanischen Reiches. Es beginnt mehr als 1000   Kilometer von den Hauptsiedlungsgebieten der Armenier entfernt:<!--more--> in   Istanbul. In der Nacht des 24. April 1915 verhaften Polizisten mehr als  200  Angeh\u00f6rige der armenischen Hauptstadt-Elite &#8211; Abgeordnete,  Journalisten,  Lehrer, \u00c4rzte, Apotheker, Kaufleute und Bankiers. Das  Osmanische Reich  ist ein halbes Jahr zuvor in den Ersten Weltkrieg  eingetreten; angeblich  kollaborieren die Festgenommenen mit dem Feind.  Auch in vielen  Provinzst\u00e4dten werden armenische Notabeln ins Gef\u00e4ngnis  geworfen,  gefoltert und zur Abschreckung \u00f6ffentlich hingerichtet. Doch  das ist nur  der Prolog der eigentlichen Mordaktion.<br \/>\nDes Versuchs, ein ganzes Volk auszul\u00f6schen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bis  ins sp\u00e4te 19. Jahrhundert hinein haben Armenier vielerorts eine   gehobene Stellung im Osmanischen Reich errungen. Zwar bleiben den   Angeh\u00f6rigen dieses christlichen Volkes &#8211; wie allen Nichtmuslimen &#8211; \u00fcber   Jahrhunderte Karrieren im Staatsdienst verschlossen. Doch bringen es   zahlreiche Armenier zu beachtlichem Wohlstand. Sowohl im Hochland   Ostanatoliens als auch in der Kapitale Istanbul kontrollieren sie   wichtige Teile der \u00d6konomie: die Seidenindustrie und Textilproduktion,   die moderne Landwirtschaft, die Schiffbau- und Tabakindustrie.  Sie  etablieren daneben auch das moderne Theater und die Oper im Reich  und  verfassen die ersten osmanischen Romane. Neun Zeitungen erscheinen  in  Istanbul auf Armenisch, nur 13 auf T\u00fcrkisch. (Die Metropole z\u00e4hlt  1914  mehr als 900.000 Einwohner, von denen etwa zehn Prozent Armenier  sind.)  Und seit dem Reformdekret von 1856, das allen osmanischen B\u00fcrgern   unabh\u00e4ngig von der Religion Zugang zu hohen Staats\u00e4mtern erm\u00f6glicht,   finden sich auch dort immer mehr Armenier. Doch im letzten Viertel des  19. Jahrhunderts beginnt sich das Verh\u00e4ltnis  zwischen Armeniern und  osmanischer Staatsf\u00fchrung entscheidend zu  verschlechtern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Denn  als Sultan Abd\u00fclhamid II. 1877 Krieg gegen Russland f\u00fchrt, bitten  die  armenischen F\u00fchrer den Zaren darum, ihre Gebiete in Anatolien  dauerhaft  zu besetzen oder ihnen eine autonome Verwaltung zu  verschaffen, doch  ohne Erfolg. Im Friedensvertrag nach der  katastrophalen Niederlage  allerdings muss die Hohe Pforte, die  osmanische Regierung, im folgenden  Jahr zugestehen, die christliche  Minderheit besonders zu sch\u00fctzen und  Reformen zu ihren Gunsten ins Leben  zu rufen &#8211; die von Europ\u00e4ern  \u00fcberwacht werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine schwere Dem\u00fctigung des Sultans,  dessen Vielv\u00f6lkerreich immer  schneller zerf\u00e4llt: Bereits 1875 hat der  Gro\u00dfwesir als Regierungschef  den Staatsbankrott erkl\u00e4rt, die Verwaltung  der \u00f6ffentlichen Schulden  wird daraufhin unter europ\u00e4ische Aufsicht  gestellt. Im folgenden Jahr  erheben sich Serben, Montenegriner und  Bulgaren gegen die t\u00fcrkische  Herrschaft. Und mit dem Berliner Vertrag  verlieren die Osmanen 1878  weite Teile ihrer Besitzungen auf dem  Balkan.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Abd\u00fclhamid II., seit 1876 auf dem Thron, sieht in den  Aufst\u00e4nden seiner  christlichen Untertanen und dem Eingreifen der  Europ\u00e4er eine  Verschw\u00f6rung gegen sein Reich und den Islam. Als dann  armenische  Revolution\u00e4re, die f\u00fcr einen eigenen Staat k\u00e4mpfen,  Terroranschl\u00e4ge  gegen osmanische Beamte ver\u00fcben und  Freisch\u00e4rler-Truppen aufstellen,  schl\u00e4gt der Sultan hart zu. Kurdische  Reitermilizen unterdr\u00fccken 1894 brutal die Aufst\u00e4nde,  zerst\u00f6ren D\u00f6rfer  der Rebellen und ermorden zahlreiche Zivilisten. In  Anatolien sowie in  der Hauptstadt ver\u00fcben Muslime in den folgenden  Jahren Massaker an den  Armeniern &#8211; m\u00f6glicherweise auf direkten Befehl  des Monarchen, wie  manche Historiker vermuten. Mindestens 80.000  Menschen sterben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach  wenigen Jahren einer gespannten Ruhe versch\u00e4rft sich die  Konfrontation  zwischen Minderheit und Staatsleitung dramatisch, als sich  1913 die  F\u00fchrer des &#8222;Komitees f\u00fcr Einheit und Fortschritt&#8220; (KEF), Enver  Pascha,  Cemal Pascha und Talat Bey, an die Regierung putschen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Komitee  ist ein besonders nationalistischer Teil der jungt\u00fcrkischen  Bewegung,  die 1909 Abd\u00fclhamid II. vom Thron gesto\u00dfen und durch dessen   altersschwachen Bruder Mehmed V. ersetzt hat; seitdem ist der Sultan nur   mehr Repr\u00e4sentationsfigur. Die neuen Machthaber, ein Triumvirat aus   zwei hohen Offizieren und einem ehemaligen Telegraphenbeamten, herrschen   fortan mit diktatorischer Gewalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie wollen das zerbrechende  osmanische Imperium um jeden Preis erhalten;  alles Streben nach  Autonomie ist f\u00fcr sie Verrat. Sie glauben an die  \u00dcberlegenheit der  t\u00fcrkischen Nation gegen\u00fcber anderen V\u00f6lkern. Und sie  wollen einen Staat  schaffen, der rein t\u00fcrkisch-muslimisch ist &#8211; auch mit  Gewalt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese  Ideologie wird umso kompromissloser propagiert, als im Vorjahr das   Reich abermals eine schm\u00e4hliche Niederlage erlitten und (bis auf kleine   Reste) s\u00e4mtliche Territorien auf dem Balkan verloren hat. Nach mehr als   500 Jahren ist damit die Herrschaft der Osmanen auf der Halbinsel   beendet. Hunderttausende muslimische Fl\u00fcchtlinge dr\u00e4ngen nun nach   Anatolien und besonders in die armenischen Gebiete.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Glaubensbr\u00fcder,  f\u00fcr die neue Existenzgrundlagen geschaffen werden m\u00fcssen  &#8211; durch  Enteignung und Vertreibung der Christen. Der Eintritt des Osmanischen  Reiches in den Ersten Weltkrieg an der  Seite Deutschlands und  \u00d6sterreich-Ungarns im November 1914 radikalisiert  die t\u00fcrkischen  Nationalisten noch weiter: Der Gouverneur der Provinz  Diyarbakr, ein  Mediziner, nennt die Armenier eine Menge &#8222;sch\u00e4dlicher  Mikroben, die den  K\u00f6rper des Vaterlandes befallen&#8220; h\u00e4tten. Und fragt, ob  es nicht die  Pflicht eines Arztes sei, die Mikroben zu t\u00f6ten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diplomatische  R\u00fccksichten auf das westliche Ausland muss die Regierung  im Krieg nicht  mehr nehmen. Zudem liefert ihr das Geschehen an der  Kaukasusfront  einen Vorwand zum Schlag gegen die Armenier. Dort greift  im tiefen  Winter eine Armee unter Kriegsminister Enver die Russen an.  Die  Offensive wird zum Fiasko: Mehr als drei Viertel der t\u00fcrkischen   Soldaten kommen in der K\u00e4lte um.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">lesen Sie weiter auf: <a href=\"http:\/\/www.geo.de\/GEO\/heftreihen\/geo_epoche\/ein-verleugnetes-verbrechen-72514.html?p=3\">www.geo.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im November 1914 tritt das krisengeschw\u00e4chte Osmanische Reich in den Ersten Weltkrieg ein. 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