{"id":25893,"date":"2015-03-13T10:26:33","date_gmt":"2015-03-13T09:26:33","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=25893"},"modified":"2015-03-13T10:26:33","modified_gmt":"2015-03-13T09:26:33","slug":"ein-volkermord-der-nicht-vergeht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=25893","title":{"rendered":"Ein V\u00f6lkermord der nicht vergeht"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" src=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/wp-content\/uploads\/Uyar1-1024x718.jpg\" alt=\"Ilias Uyar\" width=\"235\" height=\"165\" \/>\u201cJede Armenische Familie hat zumindest einen Verwandten, der Opfer des t\u00fcrkischen V\u00f6lkermordes von 1915 geworden ist.\u201d<\/em> oder aber: <em>\u201cWir sind die Generation der Nachfahren, die den V\u00f6lkermord noch aus Erz\u00e4hlungen kennen, Zeitzeugen sind zumeist schon tot\u201d<\/em>\u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Ein Interview von Uri D. mit dem deutsch-armenischen Rechtsanwalt  Ilias Uyar anl\u00e4sslich des 100. Jahrestages des V\u00f6lkermordes an den  Armeniern<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ilias Uyar, Sie leben in K\u00f6ln. K\u00f6ln hat die gr\u00f6\u00dfte armenische  Gemeinde in der Bundesrepublik. Wie gro\u00df ist Ihre Gemeinde? Wie w\u00fcrden  Sie den Alltag, die Gemeinsamkeiten innerhalb der\u00a0 armenischen Community  beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Armenische Gemeinschaft in Deutschland lebt in keiner  Parallelgesellschaft, sondern ist integriert. Mein Eindruck ist, dass  die \u00fcberwiegende Mehrheit hier sich nicht als \u201eAusl\u00e4nder\u201c versteht,  sondern als Teil dieser Gesellschaft. Als ich einmal von einem Politiker  gefragt wurde, ob wir auch Deutschunterricht in den Gemeinden anbieten,  sagte ich: \u201eNein \u2013 nicht notwendig! Es sprechen alle schon deutsch\u201d.  Das hatte ihn verwundert, weil er das ansonsten von Migrantengruppen  nicht so gewohnt war.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die armenischen Traditionen, die armenische Sprache, Religion,  Geschichte und Kultur kann man auch als integrierter B\u00fcrger Deutschlands  pflegen. Es ist ein wichtiges Fundament f\u00fcr die Gemeinschaft und diese  Traditionen, Erfahrungen und Werte sollten auch Ihren Platz in der  deutschen Gesellschaft finden. Also mein Alltag unterscheidet sich nicht  sonderlich, vom Alltag meiner Freunde. Wir befinden uns zur Zeit in der  Fastenzeit und leben bis Ostern vegan, das ist vielleicht etwas  Besonderes. Vor zwei Wochen haben wir das Vartananz-Fest begangen. Wir  denken an den Kampf unserer Ahnen nach Freiheit und Unabh\u00e4ngigkeit vom  Joch des Perserreichs auf dem Schlachtfeld von Awarajr im Jahre 451 n.  Chr. Es war ebenso ein Kampf f\u00fcr die Bewahrung des christlichen  Glaubens. Die Armenier sind ein altes Kulturvolk und haben Traditionen,  die weit zur\u00fcckreichen, aber heute noch lebendig sind. Wie das Gedenken  an die das Vartananzfest von 451 n. Chr.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Im April j\u00e4hrt sich der 100. Jahrestag des V\u00f6lkermordes an  den Armeniern durch das Osmanische Reich. Gemeinsam mit vielen  t\u00fcrkischen und deutschen Freunden haben Sie immer wieder an diesen  V\u00f6lkermord erinnert. Wie hat sich der V\u00f6lkermord in Ihrer eigenen  Familien und in der Familie von K\u00f6lner Freunden ausgewirkt?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jede armenische Familie, m\u00f6chte ich behaupten, hat zumindest einen  Verwandten, der Opfer des t\u00fcrkischen V\u00f6lkermordes von 1915 geworden ist.  Wir sind die Generation der Nachfahren, die den V\u00f6lkermord noch aus  Erz\u00e4hlungen kennen, Zeitzeugen sind zumeist schon tot.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meine Gro\u00dfeltern sind die Kinder von \u00dcberlebenden des V\u00f6lkermordes an  den Armeniern. Wir sind eine alte Familie aus Adiyaman. W\u00e4hrend des  V\u00f6lkermordes wurde die gesamte Familie meines Gro\u00dfvaters ausgel\u00f6scht,  bis auf seinen Vater Dzerun und seine beiden Tanten, die ihn unter ihren  R\u00f6cken versteckt hielten, w\u00e4hrend der Todesm\u00e4rsche. Nur diese drei  haben \u00fcberlebt. Die Mutter meiner Oma Hripsime wurde von Kurden geraubt.  Sp\u00e4ter konnte sie von den Kurden befreit werden und wurde mit meinem  Urgro\u00dfvater verheiratet, der viel \u00e4lter war. An Ihre Eltern konnte sich  meine Urgro\u00dfmutter Hripsime nur vage erinnern, aber die Geschehnisse des  V\u00f6lkermordes waren immer pr\u00e4sent. Ihre Erz\u00e4hlungen sind wichtig f\u00fcr  meine Familie. Sie haben nicht geschwiegen, sondern haben viel erz\u00e4hlt.  Und diese Ereignisse wurden von meinen Gro\u00dfeltern an meinen Bruder und  mich weitergegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als die Deportation meiner Familie aus Adiyaman begann, verwahrten  sie ihre T\u00f6pfe bei den t\u00fcrkischen Nachbarn, da sie glaubten, irrig  glaubten, bald heim kommen zu k\u00f6nnen. Sie wussten nicht, dass sie nur  noch der Tod erwartete.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eines Tages, Jahre sp\u00e4ter, kommen diese drei ausgemergelten Seelen  tats\u00e4chlich zur\u00fcck. Sie hatten die Barbarei, den V\u00f6lkermord, die  Deportationsz\u00fcge \u00fcberstanden, Hunger,\u00a0 Seuchen getrotzt und wie durch  ein Wunder das Konzentrationslager der mesopotamischen W\u00fcste \u00fcberlebt.  Als mein Urgo\u00dfvater als Kind mit seinen beiden Tanten zur\u00fcck in Adiyaman  an der T\u00fcr der t\u00fcrkischen Nachbarn klopfte, war das erste was sie  h\u00f6rten: \u201eDahe gebermediniz mi?\u201c \u2013 \u201eSeid ihr noch nicht verreckt?!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch heute, wenn meine Oma diese Geschichte erz\u00e4hlt, weint sie,  zittert sie vor dieser Barbarei. Diese Stimmung der T\u00fcrken gegen\u00fcber  unserer Familie und den \u00fcbrigen armenischen Familien hat auch daf\u00fcr  gesorgt, dass heute in Adiyaman fast keine Armenier mehr leben. Meine  Familie ist dann Ende der 1950er Jahre nach Iskenderun gezogen, in das  historische Kilikien. Meine Eltern mussten Iskenderun kurz vor dem  Milit\u00e4rputsch 1980 verlassen. Wir haben Zuflucht in Deutschland  gefunden. Wir wurden in Deutschland als politische Verfolgte anerkannt  und haben Asyl bekommen. Das ist unsere Geschichte, viele Armenier  k\u00f6nnen von solchen Erz\u00e4hlungen berichten. Der V\u00f6lkermord ist nichts  Vergangenes, es ist pr\u00e4sent und schmerzt weiterhin. Schlimmer noch: Die  Leugnungspolitik der T\u00fcrkei macht \u00a0eine Auss\u00f6hnung unm\u00f6glich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der armenisch-t\u00fcrkische Journalist Hrant Dink wurde vor acht  Jahren von einem jungen t\u00fcrkischen Rechtsextremisten ermordet. \u201eIch habe  den Ungl\u00e4ubigen erschossen\u201c teilte dieser daraufhin erfreut mit. Im  Januar haben Sie gemeinsam mit einer Gruppe junger Armenier in K\u00f6ln und  in sechs weiteren St\u00e4dten <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2015\/01\/18\/hrant-dink\/\">an diesen Mord erinnert<\/a>.<\/strong><strong> Hrant  Dink verk\u00f6rperte die Bereitschaft t\u00fcrkischer Intellektueller, die  brutalen Verbrechen in der eigenen Geschichte anzuerkennen. Wer tr\u00e4gt  die Verantwortung f\u00fcr die Ermordung Hrant Dinks?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich bin \u00fcberzeugt davon: Es war der t\u00fcrkische Staat. Hrant  Dinks\u00a0entwaffnende Art, sein Mut scheinen viele Kr\u00e4fte im Staatsapparat  verunsichert zu haben. Er wurde nach und nach zur Zielscheibe erkl\u00e4rt.  Angefangen hatte dies mit seinem Artikel \u00fcber Sabiha G\u00f6kcen, die  Adoptivtochter Atat\u00fcrks, die in Wahrheit eine Armenierin war und ihre  Eltern w\u00e4hrend des V\u00f6lkermordes verlor. Das war der Beginn des Endes.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Seit seiner Ermordung k\u00e4mpft seine Familie um Aufkl\u00e4rung und  Gerechtigkeit. Bis auf einige nationalistische Schwerverbrecher, die den  Mord unmittelbar ausge\u00fcbt haben, sind die Hinterm\u00e4nner immer noch nicht  gefasst. Auch die Ermittlungen werden immer noch aktiv behindert. Mir  hat sich ein Bild ins Ged\u00e4chtnis eingebrannt. Kurz nach der Festnahme  posierten Polizisten gemeinsam mit dem M\u00f6rder; dabei halten sie voller  Stolz eine t\u00fcrkische Flagge. Das Signal ist eindeutig: Die Polizei macht  sich mit dem M\u00f6rder gemein. Das ist nicht nur bei der Polizei so. Auch  im Staatsapparat gibt es viele die so denken, und dementsprechend laufen  die Ermittlungen nach den Hinterm\u00e4nnern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Nach der Ermordung Hrant Dinks haben \u00fcber 100.000 Menschen in  Istanbul an einem Trauermarsch teilgenommen: \u201eWir sind alle Hrant Dink\u201c  war die Hauptlosung. Haben Sie noch Hoffnung auf eine Ver\u00e4nderung in  der T\u00fcrkei; auf eine Bereitschaft, den V\u00f6lkermord\u00a0endlich als  historisches Faktum anzuerkennen?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hrant Dink hat sich stark f\u00fcr die Aufarbeitung eingesetzt, er war <em>die <\/em>Stimme  der armenischen Minderheit in der T\u00fcrkei und all der T\u00fcrken, die vor  der Wahrheit nicht mehr die Augen verschlossen haben. Hrant Dink ist  nicht nur f\u00fcr die Anerkennung des V\u00f6lkermordes eingetreten, er hat auch  gegen die Diskriminierung der Armenier und anderer Minderheiten in der  heutigen T\u00fcrkei gek\u00e4mpft. Das war gef\u00e4hrlich, und deswegen wurde er  ermordet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich habe Hoffnung auf die Zivilgesellschaft in der T\u00fcrkei. Sie sind  es auch, die Jahr f\u00fcr Jahr zu Tausenden auf die Stra\u00dfen gehen, am  Todestag von Hrant Dink. Der t\u00fcrkische Staat betreibt eine  Leugnungspolitik seit seiner Gr\u00fcndung. Die geistige Nabelschnur zwischen  den Jungt\u00fcrken und der modernen t\u00fcrkischen Republik ist nicht  durchtrennt. Nach den Hauptverantwortlichen des V\u00f6lkermordes sind in der  T\u00fcrkei heute noch Schulen, Stra\u00dfen und Pl\u00e4tze benannt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und diese Leugnungspolitik ist nicht auf die T\u00fcrkei beschr\u00e4nkt,  sondern wird auch im Ausland betrieben. Von offiziellen t\u00fcrkischen  Stellen, aber auch t\u00fcrkische Vereine und Verb\u00e4nde haben sich diese  Leugnungspolitik zu eigenen gemacht. Auch in Deutschland. Oder haben Sie  mitbekommen, dass ein t\u00fcrkischer Verband sich der Verantwortung  gestellt h\u00e4tte und vom V\u00f6lkermord an den Armeniern spricht? Eher das  Gegenteil ist der Fall. Immer da, wo der V\u00f6lkermord an den Armeniern  Thema ist, k\u00f6nnen dich Veranstalter sich auf Proteste der Konsule und  \u00f6rtlicher t\u00fcrkischer Vereine einstellen. Hierf\u00fcr gibt es unz\u00e4hlige  Beispiele.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Leugnung wird nicht von einigen Irren betrieben, sondern sie  ist staatliche Politik der T\u00fcrkei. Und dies erfordert von den  demokratischen Kr\u00e4ften und Staaten eine klare politische Positionierung.  Und die kann nur Anerkennung des Genozides an den Armeniern lauten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass die T\u00fcrkei keinen Schritt auf die eigene Geschichte zugehen  wird, sondern dass der V\u00f6lkermord weiterhin ein staatliches Tabu bleiben  wird, zeigt doch die Terminierung der Feierlichkeiten um Galipoli.  Ankara hat bewusst die Feierlichkeiten auf den 24. April 2015 gelegt.  Der 24. April 1915 gilt als Beginn des t\u00fcrkischen V\u00f6lkermordes an den  Armeniern. Man versucht mit allen Mitteln das Gedenken an den V\u00f6lkermord  zu torpediert. Seit neuestem lese ich, dass der t\u00fcrkische  Staatspr\u00e4sident wieder eine Historikerkommission fordert. Das ist auch  ein alter Hut, immer zu \u201erunden\u201c Gedenkjahren kommen t\u00fcrkische  Offizielle auf diese Idee.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Februar 2003 legte das renommierte International Center for  Transnational Justice (ICTJ) ein Gutachten vor, in dem die Juristen zu  dem Ergebnis kommen, dass die Vernichtung der Armenier in der  osmanischen T\u00fcrkei den Tatbestand eines V\u00f6lkermordes im Sinne der  UN-V\u00f6lkermordkonvention erf\u00fcllt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die anhaltende Leugnung der armenischen Vernichtung veranlasste 1998  international renommierte Intellektuelle \u2013 50 Jahre nach Verk\u00fcndung der  UN-V\u00f6lkermordkonvention \u2013 zu folgender Erkl\u00e4rung: \u201cEs ist bedeutsam  daran zu erinnern, dass das Europ\u00e4ische Parlament, die Vereinigung der  Genozidforscher, das Holocaust und Genozid Institut von Jerusalem und  das Institut f\u00fcr Genozidforschung in New York festgestellt haben, dass  die Vernichtung der Armenier durch die T\u00fcrkische Regierung einen Genozid  gem\u00e4\u00df der Definition der 1948 verabschiedeten Un-V\u00f6lkermordkonvention  darstellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weiter erkl\u00e4ren sie:\u00a0\u201eLeugner des Genozids wollen Geschichte  umschreiben, sie wollen die Opfer d\u00e4monisieren und die T\u00e4ter  rehabilitieren.\u201d\u00a0Bis heute \u2013 auch 100 Jahre nach dem V\u00f6lkermord \u2013  entspricht dies der t\u00fcrkischen Politik.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Sie sind ein enger Freund des K\u00f6lner Schriftstellers und Menschenrechtlers <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2014\/09\/21\/gedaechtnisraum\/\">Dogan Akhanli<\/a><\/strong><strong>. Sie waren auch einer seiner drei Rechtsanw\u00e4lte, als <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2010\/09\/29\/dogan\/\">Dogan 2010 aus politischen Gr\u00fcnden von der t\u00fcrkischen Justiz festgehalten wurde<\/a>.<\/strong><strong> In  diesem Kontext sind wir beide uns auch verschiedentlich begegnet. Als  Hauptgrund f\u00fcr Dogan Akhanlis willk\u00fcrliche Festnahme gilt sein alle  Ethnien \u00fcberschreitendes Engagement f\u00fcr die Menschenrechte, f\u00fcr  Begegnungen sowie insbesondere f\u00fcr die Anerkennung des V\u00f6lkermordes an  den Armeniern. Wie sieht Ihre konkrete Zusammenarbeit aus?<\/strong><\/p>\n<div class=\"mceTemp\" style=\"text-align: left;\">\n<dl class=\"wp-caption alignleft\" style=\"width: 236px;\">\n<dt class=\"wp-caption-dt\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" src=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/wp-content\/uploads\/Dog-Ilias.jpg\" alt=\"Ilias Uyar und Dogan Akhanli\" width=\"226\" height=\"250\" \/><\/dt>\n<dd class=\"wp-caption-dd\">Ilias Uyar und Dogan Akhanli<\/dd>\n<\/dl>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Dogan habe ich schon als Jura-Student kennengelernt, vor vielen  Jahren. Ich h\u00f6rte, dass ein t\u00fcrkischer Autor ein Buch zum V\u00f6lkermord an  den Armeniern geschrieben hatte. Einige Zeit sp\u00e4ter rief ich ihn an und  er schickte mir sein Buch \u201c<a href=\"http:\/\/buecher.hagalil.com\/2010\/11\/akhlani\/\">Die Richter des J\u00fcngsten Gerichts<\/a>\u201c.\u00a0So begann unsere Freundschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dogan Akhanli hat in den letzten Jahrzehnten wirklich viel f\u00fcr die  Auss\u00f6hnung getan und das Miteinander gef\u00f6rdert. So hat er gemeinsam mit  dem schweizerisch-j\u00fcdischen Regisseur Ron Rosenberg ein eindr\u00fcckliches  Theaterst\u00fcck \u00fcber die Verleugnung einer armenischen Familiengeschichte,  \u00fcber das innerfamili\u00e4re Schweigen verfasst und aufgef\u00fchrt: <em>\u201e<a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2012\/10\/11\/annes-schweigen\/\">Annes Schweigen<\/a>\u201c.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dogan ist auch ein sehr guter Ratgeber. Er war einer der wenigen  Eingeweihten, die von meiner Idee wussten, auch in K\u00f6ln \u2013 der  Partnerstadt Istanbuls \u2013 , im Herzen der Stadt, vor dem K\u00f6lner Dom, an  die Genozidopfer zu gedenken. Am 24. April 1915 wurden in Istanbul  hunderte armenische Intellektuelle verhaftet und sp\u00e4ter ermordet, das  gilt als Auftakt des V\u00f6lkermordes. Seit Jahren wird am Taksim-Platz an  diese Menschen erinnert. Als K\u00f6lner haben wir es als wichtig erachtet,  diese positive Tradition aus Istanbul zu \u00fcbernehmen, auch mit dem  Gedanken der Solidarit\u00e4t der Menschen in der T\u00fcrkei, die sich f\u00fcr die  Auss\u00f6hnung einsetzten und sich gleichfalls gegen die Leugnung des  armenischen Genozides stemmen. Dogan hatte es sich auch nicht nehmen  lassen, eine <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3cJbWFWNleo\">F\u00fchrung f\u00fcr die Teilnehmer des Armenischen Jugendkongresses durch das EL-DE Haus<\/a> zu leiten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In diesem Jahr laufen noch die Vorbereitungen, auf dem einen oder  anderen Podium werden wir sicherlich gemeinsam sitzen. Eine  Veranstaltung wird in zwei Wochen in Neuwied stattfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der k\u00fcrzlich verstorbene K\u00f6lner Journalist und Schriftsteller <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2013\/03\/21\/giordano-4\/\">Ralph Giordano<\/a><\/strong> <strong>geh\u00f6rte  zu den wenigen prominenten deutschen Autoren, die in  Fernsehdokumentationen und in Aufs\u00e4tzen immer wieder an diesen ersten  V\u00f6lkermord in der Menschheitsgeschichte erinnert hat. Er erhielt deshalb  zahlreiche Morddrohungen. Giordano sah dies Erinnern als Jude und als  \u00dcberlebender als seine existentielle Verpflichtung an.\u00a0Haben Sie Ralph  Giordano pers\u00f6nlich gekannt? <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ja, das erste Mal bin ich ihm vor fast 25 Jahren im Belgischen Haus  in K\u00f6ln anl\u00e4sslich eines Gedenkabends begegnet. Ich war sofort Feuer und  Flamme f\u00fcr diesen wortstarken, streitbaren und beharrlichen Menschen.  Seine Art zu sprechen imponierte mir sehr. Da war ich noch ein  Jugendlicher. Sp\u00e4ter habe ich ihn dann pers\u00f6nlich kennengelernt. Er war  bei vielen Gedenkveranstaltungen als Redner zu Gast. Seine  Fernsehdokumentation <em>\u201eDie armenische Frage existiert nicht mehr \u2013 Trag\u00f6die eines Volkes\u201c, <\/em>1986  in der ARD ausgestrahlt, hat zum ersten Mal einer breiten  \u00d6ffentlichkeit den V\u00f6lkermord an den Armeniern zug\u00e4nglich gemacht. Ralph  Giordano hat sich auch unerm\u00fcdlich daf\u00fcr eingesetzt, dass offen vom  V\u00f6lkermord an den Armeniern gesprochen wird. Er wurde mit dem  Kulturorden \u201eSurp Sahak-Mesrop\u201c der Armenischen Kirche f\u00fcr seine  Verdienste ausgezeichnet. \u201cIch bin der j\u00fcdische Sohn des Armenischen  Volkes\u201d, so hatte er es einmal sehr treffend formuliert. Und Recht hat  er!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Welche konkreten Veranstaltungen sind in der n\u00e4chsten Zeit  geplant, um an den 100. Jahrestag des V\u00f6lkermordes an den Armeniern zu  erinnern?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es gibt viele Veranstaltungen, die im Gedenkjahr geplant sind. Wer  sich \u00fcber die Veranstaltungen informieren m\u00f6chte, ist auf den Seiten <a href=\"http:\/\/genozid1915.de\">genozid1915.de<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.anerkennung-jetzt.de\">anerkennung-jetzt.de<\/a> gut aufgehoben. Unter der letzten Seite kann man auch einen Brief an  seinen Bundestagsabgeordneten online versenden. Es ist wichtig, dass  sich die Bundesregierung endlich in dieser wichtigen Thematik bewegt!<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Genozid ist ein Fakt, das wei\u00df auch die politische Klasse in  Deutschland. Sie nimmt jedoch R\u00fccksicht auf den einstigen B\u00fcndnispartner  T\u00fcrkei. Wenn man sich das genau betrachtet, gibt es eine makabere  Kontinuit\u00e4t in der V\u00f6lkermord-Frage des deutschen Kaiserreiches und der  bundesrepublikanischen Politik heute: Verschweigen, Vergessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Damit werden auch die eigenen Erfahrungen um den schwierigen Prozess  des Auss\u00f6hnens konterkariert. K\u00f6nnte man sich ein Deutschland im Herzen  Europas, friedlich und in guten Beziehungen zu den Nachbarstaaten  stehend, vorstellen, wenn sich das Nachkriegsdeutschland nicht seiner  historischen Verantwortung gestellt h\u00e4tte? Wenn es nicht ein klares  Bekenntnis abgegeben h\u00e4tte, dass im deutschen Namen ein V\u00f6lkermord  ver\u00fcbt worden ist?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Was sind Ihre konkreten politischen Forderungen an die bundesdeutschen Politiker und an die Regierung?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine politische Leugnung des V\u00f6lkermordes bedarf einer politischen  Antwort. Es ist \u00fcberf\u00e4llig, dass der Genozid am armenischen Volk endlich  anerkannt wird. Die Antwort der Bundesregierung aktuell auf eine kleine  Anfrage ist eine Farce.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im 100. Gedenkjahr argumentiert die Bundesregierung, der Genozid an  den Armeniern k\u00f6nnen nicht als V\u00f6lkermord anerkannt werden weil die  UN-V\u00f6lkermord-Konvention sp\u00e4ter in Kraft getreten sein. Mit dem Argument  haben sie den Holocaust-Leugnern eine amtliche Begr\u00fcndung gegeben, denn  die Shoa liegt auch vor in Kraft treten der Konvention. Wer sich mit  der Entstehungsgeschichte der UN-V\u00f6lkermord-Konvention auskennt, und  sich mit der Person Raphael Lemkin besch\u00e4ftigt, auf den die Konvention  zur\u00fcckgeht, wei\u00df, wie abstrus eine solche Begr\u00fcndung ist. Als Deutscher  Staatsb\u00fcrger sage ich aber auch: Der Genozid an meinen Vorfahren ist  kein T\u00fcrkisch-Armenisches Ereignis. Es ist auch ein Teil der Deutschen  Geschichte, die ein klares Bekenntnis erfordert. Im \u00fcbrigen ist es auch  nichts Au\u00dfergew\u00f6hnliches, wenn im Bundestag an einen Genozid gedacht  wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und, dies m\u00f6chte ich noch hinzuf\u00fcgen, da ich den polnisch-j\u00fcdischen  Historiker Raphael Lemkin (1900-1959) erw\u00e4hnt habe: Raphael Lemkin war  ein Pionier der Holocaustforschung. Er sa\u00df beim Talaat-Pascha-Prozess in  Berlin 1921 im Zuschauerraum des Gerichts und ist wahrscheinlich dort  erstmals\u00a0mit dem Genozid an den Armeniern in Ber\u00fchrung gekommen. Er  geh\u00f6rte zu den ersten Juristen, die sich auch f\u00fcr die Anerkennung des  V\u00f6lkermordes an den Armeniern eingesetzt haben. Er starb 1959 v\u00f6llig  verarmt und vergessen in einem sch\u00e4bigen Einzimmerappartement in  Manhattan. Es w\u00e4re sehr zu w\u00fcnschen, dass die von Dogan Akhanli privat  aufgebaute Raphael Lemkin Bibliothek endlich in eine gro\u00dfe \u00f6ffentliche  Institution in K\u00f6ln integriert wird. Das EL-DE-Haus halte ich f\u00fcr einen  \u00fcberaus geeigneten Ort. Der 100. Jahrestag des V\u00f6lkermordes an den  Armeniern am 24. April w\u00e4re ein guter Termin f\u00fcr ihre symbolische  Einweihung im K\u00f6lner EL-DE-Haus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Links<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2015\/01\/18\/hrant-dink\/\">\u201cWir alle sind Hrant Dink\u201d. K\u00f6lner Gedenkaktion anl\u00e4sslich des 8. Gedenktages der Ermordung von Hrant Dink<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2012\/04\/18\/erinnerungsaufstand\/\">Wir brauchen einen Erinnerungsaufstand<strong><br \/>\n<\/strong><\/a><a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2014\/09\/21\/gedaechtnisraum\/\">\u201cWir brauchen einen transnationalen Ged\u00e4chtnisraum\u201d<\/a><strong><a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2014\/09\/21\/gedaechtnisraum\/\"><br \/>\n<\/a><\/strong><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3kFxep1qIng\">Annes Schweigen<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.3sat.de\/mediathek\/?mode=play&amp;obj=49824\">Die Deutschen und der V\u00f6lkermord an den Armeniern<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">quelle: <a href=\"http:\/\/www.hagalil.com\/archiv\/2015\/03\/09\/ilias-uyar\/\">www.hagalil.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cJede Armenische Familie hat zumindest einen Verwandten, der Opfer des t\u00fcrkischen V\u00f6lkermordes von 1915 geworden ist.\u201d oder aber: \u201cWir sind die Generation der Nachfahren, die den V\u00f6lkermord noch aus Erz\u00e4hlungen&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-25893","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25893","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=25893"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25893\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":25894,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/25893\/revisions\/25894"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=25893"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=25893"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=25893"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}