{"id":26152,"date":"2015-04-13T17:31:04","date_gmt":"2015-04-13T16:31:04","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=26152"},"modified":"2015-04-13T17:31:04","modified_gmt":"2015-04-13T16:31:04","slug":"%e2%80%9ees-ist-ein-tabuthema-der-deutschen-politik%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=26152","title":{"rendered":"\u201eEs ist ein Tabuthema der deutschen Politik\u201c"},"content":{"rendered":"<p id=\"onlineText\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" title=\"Dr. Jochen Mangelsen - Genozid Armenien \u00a9 Christina Kuhaupt\" src=\"http:\/\/www.weser-kurier.de\/cms_media\/module_img\/3376\/1688109_1_sebo_552ae672a2cc0.jpg\" alt=\"Dr. Jochen Mangelsen - Genozid Armenien &amp;copy; Christina Kuhaupt\" width=\"147\" height=\"190\" \/>In Bremen werden etwa 1 500 Armenier der Opfer des V\u00f6lkermords gedenken.  Felix Frank sprach mit Jochen Mangelsen, der die Interessen der  Armenier in Bremen vertritt, \u00fcber die armenische Sehnsucht nach einer  Vers\u00f6hnung mit den T\u00fcrken und nach der Anerkennung des Genozids in  Deutschland.<\/strong>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie denken die Armenier in Bremen heute \u00fcber den V\u00f6lkermord?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jochen  Mangelsen: Alle Armenier, die in der Diaspora leben, verbinden eine  pers\u00f6nliche Geschichte mit dem V\u00f6lkermord. Alle Familien haben Tote zu  beklagen. Sie leiden bis heute darunter, dass sie nie die M\u00f6glichkeit  hatten, ihre Trauer abzuladen. Da hat sich ein Trauma aufgebaut. Nicht  zuletzt, weil der V\u00f6lkermord in der T\u00fcrkei, aber auch in Deutschland  nach wie vor verleugnet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zuletzt bestritt der  t\u00fcrkische Staatschef Erdogan den V\u00f6lkermord und forderte eine  wissenschaftliche Untersuchung. Was bedeuten solche Aussagen f\u00fcr das  Verh\u00e4ltnis zwischen T\u00fcrken und Armeniern?<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das ist  eine Katastrophe. Der t\u00fcrkische Pr\u00e4sident vertritt seit Langem die  These, dass eine internationale Historikerkommission die Frage, ob es  sich um einen t\u00fcrkischen V\u00f6lkermord handelt oder nicht, kl\u00e4ren m\u00fcsste.  Diese Frage ist aber l\u00e4ngst gekl\u00e4rt. In der seri\u00f6sen  Geschichtsschreibung gibt es \u00fcberhaupt keine Unstimmigkeiten dar\u00fcber.  Erdogan betreibt eine v\u00f6llige Neuinterpretation der V\u00f6lkermordopfer,  indem er sie als Gefallene des Ersten Weltkriegs darzustellen versucht.  Das ist eine wirklich perverse Volte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was ist der Grund daf\u00fcr, dass die T\u00fcrkei den V\u00f6lkermord immer noch leugnet?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das  hat etwas mit dem Gr\u00fcndungsmythos der modernen T\u00fcrkei zu tun. Die  T\u00fcrkei ist aus dem Osmanischen Reich entstanden, sie baut quasi auf  einem V\u00f6lkermord auf. Die heutige Generation der T\u00fcrken hat gro\u00dfe  Schwierigkeiten, ein Bekenntnis dazu abzulegen, dass ihre Gro\u00df- oder  Urgro\u00dfeltern damals ein schweres Menschheitsverbrechen begangen haben.  Die Politik tut alles daf\u00fcr, dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema  nicht stattfindet.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie realistisch ist eine baldige Vers\u00f6hnung zwischen T\u00fcrken und Armeniern?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die  Armenier haben eine gro\u00dfe Sehnsucht nach einer Vers\u00f6hnung. Aber wenn  die Seite der T\u00e4tergesellschaft eine solche Tat leugnet und nicht bereit  ist, Gespr\u00e4che aufzunehmen, mit wem sollen sich die Armenier dann  vers\u00f6hnen? Die einzige Hoffnung der Armenier in dieser Frage ist, dass  es in der T\u00fcrkei irgendwann mal eine umfassende Zivilgesellschaft gibt,  die sich diese Geschichtsverf\u00e4lschung seitens ihrer Politik nicht mehr  bieten l\u00e4sst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch Deutschland war direkt am V\u00f6lkermord beteiligt. Warum spielt das in der Wahrnehmung keine so gro\u00dfe Rolle?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die  kaiserliche Zensur wirkt mehr als 100 Jahre nach. Es ist ein Tabuthema  der deutschen Politik. Im Grunde wissen alle Beteiligten, was damals  geschehen ist, aber keiner will offen dar\u00fcber reden. Au\u00dferdem hat die  deutsche \u00d6ffentlichkeit den Holocaust auf den Schultern und weigert  sich, noch ein anderes Thema draufzusatteln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor  zehn Jahren wurde anl\u00e4sslich des 90. Jahrestags in Bremen das erste  deutsche Mahnmal aufgestellt. Wie sind die Armenier in Bremen heute  organisiert?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es gibt eine armenische  Kirchengemeinde, die seit einigen Jahren inaktiv ist. Sp\u00e4testens im Mai  soll sie aber wiederbelebt werden. Ein Neustart also. Zudem haben wir  jedes Jahr am 24. April am Mahnmal an der Gustav-Deetjen-Allee unsere  Gedenkveranstaltung. Ohne dass wir irgendwelche besonderen Aktionen  gemacht h\u00e4tten, kommen immer mehr Leute dorthin. Dieser Stein entfaltet  \u00fcber die Jahre eine zunehmende Kraft.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Begleitet  wurde der Gedenktag damals von einer Gruppe t\u00fcrkischer Demonstranten.  Wie gro\u00df ist Ihre Sorge, dass es bei den diesj\u00e4hrigen Veranstaltungen  erneut zu Protesten kommt?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Aufgrund des 100.  Jahrestags ist es nat\u00fcrlich wieder eine besondere Situation, aber meine  Erfahrung aus den letzten Jahren ist, dass wir keine gro\u00dfe Sorge haben  m\u00fcssen. Seit der Einweihung des Steins mit den damaligen Protesten von  t\u00fcrkischen Gruppierungen ist nie wieder etwas passiert. Der Stein ist  nicht besch\u00e4digt worden, es hat kein Graffiti gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was wollen die Armenier mit den Bremer Gedenktagen bewirken?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zuallererst  wollen sie der Opfer von damals gedenken. Die W\u00fcrde der Opfer ist die  treibende Kraft f\u00fcr die Armenier, sich hier und in aller Welt an den  Gedenkveranstaltungen zu beteiligen. Wir sind diesen Opfern die Wahrheit  schuldig, eine schonungslose Auseinandersetzung \u00fcber Tat, T\u00e4ter,  Mitwirkende und Mitwissende. Das Zweite ist eine ganz massive politische  Forderung an die Gesellschaft der neuen Heimat, an die deutsche Politik  also, sich endlich zu der Geschichte zu bekennen und den V\u00f6lkermord  anzuerkennen. Mit B\u00fcrgermeisterin Karoline Linnert haben wir eine aktive  Politikerin, die bei der Gedenkveranstaltung am 24. April zu diesem  Thema sprechen wird. Das ist relativ ungew\u00f6hnlich und ein besonderes  Zeichen, das die Politik hier in Bremen setzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zur Person:                       Jochen Mangelsen                       (72) ist seit vielen Jahren Sprecher der  Armenischen Gemeinschaft Bremen. Der Autor, der Anfang der 70er-Jahre  erstmals in Armenien gewesen ist, hat mehrere B\u00fccher \u00fcber das Land  geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.weser-kurier.de\/startseite_artikel,-Es-ist-ein-Tabuthema-der-deutschen-Politik-_arid,1100086.html\">http:\/\/www.weser-kurier.de<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bremen werden etwa 1 500 Armenier der Opfer des V\u00f6lkermords gedenken. 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