{"id":26268,"date":"2015-04-23T21:49:20","date_gmt":"2015-04-23T20:49:20","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=26268"},"modified":"2015-04-30T10:54:01","modified_gmt":"2015-04-30T09:54:01","slug":"gaucks-rede-im-wortlaut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=26268","title":{"rendered":"Gaucks Rede im Wortlaut"},"content":{"rendered":"<h4 style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" src=\"http:\/\/www.mz-web.de\/image\/view\/30510558,32791826,highRes,maxh,480,maxw,480,urn-newsml-dpa-com-20090101-150423-99-17562_large_4_3.jpg\" alt=\"Bundespr\u00e4sident Joachim Gauck spricht im Berliner Dom zum 100. Jahrestag des Beginns der Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich.\" width=\"234\" height=\"179\" \/><strong> <\/strong>Bundespr\u00e4sident zu Armeniern<\/h4>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der Bundespr\u00e4sident bezieht klar Stellung: Das Massaker an  den Armeniern im Osmanischen Reich sieht er als \u201eV\u00f6lkermord\u201c. Auch weist  er auf die deutsche Beteiligung daran hin. FAZ.NET dokumentiert die  Rede Gaucks<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">ir gedenken in dieser Stunde der Angeh\u00f6rigen des armenischen Volkes, die  vor einem Jahrhundert zu Hunderttausenden Opfer von geplanten und  systematischen Mordaktionen geworden sind. Unterschiedslos wurden Frauen  und M\u00e4nner, Kinder und Greise verschleppt, auf Todesm\u00e4rsche geschickt,  ohne jeden Schutz und ohne jede Nahrung in Steppe und in W\u00fcste  ausgesetzt, bei lebendigem Leibe verbrannt, zu Tode gehetzt, erschlagen  und erschossen. Diese geplante und kalkulierte verbrecherische Tat traf  die Armenier aus einem einzigen Grund: weil sie Armenier waren. \u00c4hnlich  traf es ihre Leidensgenossen, die Pontos-Griechen, die Assyrer oder  Aram\u00e4er.<!--more--><\/p>\n<p>Mit unserem heutigen Wissen und vor dem Hintergrund  politischer und humanit\u00e4rer Schrecknisse der vergangenen Jahrzehnte  steht uns heute klar vor Augen: Das Schicksal der Armenier steht  beispielhaft f\u00fcr die Geschichte der Massenvernichtungen, der ethnischen  S\u00e4uberungen, der Vertreibungen, ja der V\u00f6lkermorde, von der das 20.  Jahrhundert auf so schreckliche Weise gezeichnet ist.<\/p>\n<p>Im  Schatten von Kriegen wurden diese Verbrechen begangen. Der Krieg diente  auch als Legitimation f\u00fcr die Untaten. So geschah es im Ersten Weltkrieg  den Armeniern \u2013 und so geschah es im Laufe des Jahrhunderts auch  andernorts und so geschieht es bisweilen bis heute vielen anderen  religi\u00f6sen und nationalen Minderheiten. Als Spione etwa wurden sie  bezeichnet, als Handlanger ausl\u00e4ndischer M\u00e4chte, als St\u00f6renfriede der  nationalen Einheit, als Klassen- oder Rassenfeinde, als Krankheitsherd  im Volksk\u00f6rper.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wir gedenken der Opfer, damit sie und ihr Schicksal  nicht vergessen werden. Wir erinnern an sie um ihrer selbst willen. Es  ist vor allem die Erinnerung an die unver\u00e4u\u00dferliche W\u00fcrde jedes  Menschen. Diese W\u00fcrde kann nicht vernichtet werden, aber an ihr kann man  sich unendlich vers\u00fcndigen, wenn man sie missachtet und mit F\u00fc\u00dfen  tritt. Wir erinnern an die Opfer, damit sie im Gedenken noch einmal eine  Stimme bekommen, damit ihre Geschichte erz\u00e4hlt wird, jene Geschichte,  an die nichts mehr erinnern sollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ja, wir  erinnern der Opfer auch um unserer selbst willen. Wir k\u00f6nnen unsere  eigene Menschlichkeit nur bewahren, wenn nicht nur die Sieger die  Geschichte und das Ged\u00e4chtnis von uns Lebenden bestimmen, sondern auch  die Geschlagenen und die Verlorenen, die Verratenen und die  Vernichteten.<\/p>\n<div>\n<h3 id=\"pageIndex_2\">\u201eDie planvolle Vernichtung eines Volkes erkennen\u201c<\/h3>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine  Erinnerung an die Opfer w\u00e4re aber nur ein halbiertes Gedenken, wenn  nicht auch von den T\u00e4tern gesprochen w\u00fcrde. Ohne T\u00e4ter gibt es keine  Opfer. Die T\u00e4ter, die damaligen Machthaber im Osmanischen Reich und ihre  Handlanger, waren, wie im Grunde alle T\u00e4ter bei rassistisch, ethnisch  oder religi\u00f6s motiviertem Massenmord, auf fanatische Weise \u00fcberzeugt von  der Richtigkeit des eigenen Handelns.<\/p>\n<p>Die jungt\u00fcrkische  Ideologie suchte im ethnisch homogenen, religi\u00f6s einheitlichen  Nationalstaat eine Alternative zu der verloren gehenden Tradition des  Neben- und Miteinanders der verschiedenen V\u00f6lker und Religionen im  zerfallenden Osmanischen Reich. Trennung nach Volksgruppen, ethnische  S\u00e4uberungen und Vertreibungen bildeten Anfang des 20. Jahrhunderts  oftmals die d\u00fcstere Seite der Entstehung von Nationalstaaten. Aber  Einheits- und Reinheitsideologien enden nicht selten in Ausschluss und  Vertreibung und in letzter Konsequenz in m\u00f6rderischer Tat. Im  Osmanischen Reich entwickelte sich daraus eine genozidale Dynamik, der  das armenische Volk zum Opfer fiel.<\/p>\n<p>Wir befinden uns mitten  in einer notwendigen Debatte dar\u00fcber, welche Bezeichnung f\u00fcr das  Geschehen vor 100 Jahren am angemessensten ist. Achten wir aber darauf,  dass sich diese Debatte nicht auf Differenzen \u00fcber einen Begriff  reduziert. Es geht vor allem darum \u2013 und sei es nach 100 Jahren \u2013 die  planvolle Vernichtung eines Volkes in ihrer ganzen schrecklichen  Wirklichkeit zu erkennen, zu beklagen und zu betrauern. Sonst verlieren  wir den Kompass f\u00fcr unsere Orientierung und die Achtung vor uns selbst.<\/p>\n<p>Wenn  wir Verst\u00e4ndigung erzielen in der Beurteilung der Geschichte, wenn wir  Unrecht benennen, selbst wenn es die Unsrigen taten, wenn wir  gleicherma\u00dfen bezeugen, ja leben, dass wir Recht und Menschenrechte  achten, dann wahren wir die W\u00fcrde der Opfer und schaffen eine gemeinsame  humane Basis f\u00fcr das Zusammenleben im Innern und \u00fcber Grenzen hinweg.<\/p>\n<p>Indem  wir erinnern, setzen wir niemanden, der heute lebt, auf die  Anklagebank. Die T\u00e4ter von einst leben nicht mehr und ihren Kindern und  Kindeskindern ist jene Schuld nicht anzulasten. Was die Nachfahren der  Opfer aber zu recht erwarten d\u00fcrfen, ist die Anerkennung historischer  Tatsachen und damit auch einer historischen Schuld. Es geh\u00f6rt zur  Verantwortung der heute Lebenden, sich einer Politik verpflichtet zu  f\u00fchlen, die das Lebensrecht und die Menschenrechte jedes Einzelnen wie  auch jeder Minderheit respektiert und sch\u00fctzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Fall  der Armenier folgen wir also keinem anderen Prinzip als dem der tiefen  menschlichen Erfahrung: Wir k\u00f6nnen uns nicht von Schuld befreien, wenn  wir sie leugnen, verdr\u00e4ngen oder bagatellisieren. Wir in Deutschland  haben m\u00fchevoll und teilweise mit besch\u00e4mender Verz\u00f6gerung gelernt, der  Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus zu gedenken, vor allem  der Verfolgung und Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden. Und wir haben  dabei auch zu unterscheiden gelernt zwischen der Schuld der T\u00e4ter, die  vorbehaltlos anerkannt werden muss, und der Verantwortung der Nachkommen  f\u00fcr ein angemessenes Gedenken.<\/p>\n<p>Es hat seinen tiefen Sinn und  seine klare Berechtigung, an den Mord an dem armenischen Volk auch hier  bei uns in Deutschland zu erinnern. Unter uns leben Nachfahren von  Armeniern und T\u00fcrken mit ihrer je eigenen Geschichte. F\u00fcr ein  friedliches Miteinander aber ist es wichtig, dass alle sich an den  gleichen aufkl\u00e4rerischen Prinzipien bei der Aufarbeitung der  Vergangenheit orientieren.<\/p>\n<p>In diesem Fall m\u00fcssen auch wir Deutsche insgesamt uns noch der  Aufarbeitung stellen, wenn es n\u00e4mlich um eine Mitverantwortung, unter  Umst\u00e4nden sogar Mitschuld, am V\u00f6lkermord an den Armeniern geht.<\/p>\n<p>Es  waren deutsche Milit\u00e4rs, die an der Planung und zum Teil auch an der  Durchf\u00fchrung der Deportationen beteiligt waren. Hinweise von deutschen  Beobachtern und Diplomaten, die im Vorgehen gegen die Armenier den  Vernichtungswillen genau erkannten, wurden \u00fcbergangen und ignoriert.  Denn das Deutsche Reich wollte die Beziehungen zum osmanischen  Verb\u00fcndeten nicht gef\u00e4hrden. Reichskanzler Bethmann Hollweg, der von  einem Sonderbeauftragten recht detailliert \u00fcber die Verfolgung der  Armenier informiert worden war, bemerkte im Dezember 1915 lapidar:  \u201eUnser einziges Ziel ist, die T\u00fcrkei bis zum Ende des Krieges an unserer  Seite zu halten, gleichg\u00fcltig, ob dar\u00fcber Armenier zugrunde gehen oder  nicht.\u201c<\/p>\n<p>Es sind aber gerade auch Deutsche gewesen, allen  voran der hoch engagierte Johannes Lepsius, durch deren publizistische  T\u00e4tigkeit das Leiden der Armenier der Welt bekannt wurde.<\/p>\n<p>Es  war der Sanit\u00e4ter Armin Theophil Wegner, der mit Fotografien das  Schicksal der Armenier festgehalten und es in Lichtbildvortr\u00e4gen nach  dem Krieg in Deutschland bekannt machte. Und es war der \u00d6sterreicher  Franz Werfel, der mit seinem Roman \u201eDie vierzig Tage des Musa Dagh\u201c dem  Widerstand der Armenier gegen ihre geplante Vernichtung ein  k\u00fcnstlerisches Denkmal setzte. Das Buch wurde nach seinem Erscheinen  1933 in Deutschland schnell verboten \u2013 in den Judenghettos von Bialystok  und Wilna aber wurde es gelesen, als Vorzeichen dessen, was den Juden  bevorstand. Beide, die Zensoren des Dritten Reiches und die Juden haben  somit das Buch und die darin erz\u00e4hlte Geschichte vollkommen richtig  verstanden.<\/p>\n<p>Als Adolf Hitler in seinem Einsatzbefehl vom 22.  August 1939 den Oberbefehlshabern der deutschen Heeresgruppen den  \u00dcberfall auf Polen befahl und dabei seine Pl\u00e4ne erl\u00e4uterte, \u201emitleidlos  Mann, Weib und Kind polnischer Abstammung und Sprache in den Tod zu  schicken\u201c, schloss er in Erwartung eines kollektiven Desinteresses mit  der rhetorisch gemeinten Frage: \u201eWer redet heute noch von der  Vernichtung der Armenier?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wir reden  davon! Noch heute, 100 Jahre sp\u00e4ter, reden wir ganz bewusst davon \u2013  davon und von anderen Verbrechen gegen Menschlichkeit und Menschenw\u00fcrde:  Wir tun dies, damit Hitler nicht Recht beh\u00e4lt. Und wir tun es, damit  kein Diktator, kein Gewaltherrscher und niemand, der ethnische  S\u00e4uberungen f\u00fcr legitim h\u00e4lt, erwarten kann, dass man seine Taten  ignoriert oder vergisst.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ja, wir  reden weiter auch \u00fcber ungeliebtes Wissen, verweigerte Verantwortung und  alte Schuld. Wir tun es nicht, um uns an niederdr\u00fcckende  Vergangenheiten zu binden, sondern um wachsam zu sein und um rechtzeitig  zu reagieren, wenn Vernichtung und Terror Menschen und V\u00f6lker bedrohen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist  gut, wenn wir gemeinsam erinnern, nicht getrennt nach Konfessionen und  Religionen, nach Sprachen, nach ethnischen und staatlichen Grenzen.  Heute sind wir dankbar f\u00fcr Zeichen von Erinnerung und Vers\u00f6hnung aus  aller Welt. Besonders freue ich mich \u00fcber jedes ermutigende Zeichen der  Verst\u00e4ndigung und des Aufeinanderzugehens zwischen T\u00fcrken und Armeniern.  Niemand braucht Angst zu haben vor der Wahrheit. Nur gemeinsam k\u00f6nnen  wir \u00fcberwinden, was uns getrennt hat und was uns trennt. Nur gemeinsam  haben wir eine gute Zukunft in dieser einen, uns gemeinsam anvertrauten  Welt.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/gaucks-rede-zum-voelkermord-in-armenien-im-wortlaut-13555237.html\">www.faz.net\/aktuell\/politik\/inland\/gaucks-rede-zum-voelkermord-in-armenien<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bundespr\u00e4sident zu Armeniern Der Bundespr\u00e4sident bezieht klar Stellung: Das Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich sieht er als \u201eV\u00f6lkermord\u201c. Auch weist er auf die deutsche Beteiligung daran hin. 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