{"id":26319,"date":"2015-04-28T01:16:29","date_gmt":"2015-04-28T00:16:29","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=26319"},"modified":"2015-04-28T01:17:38","modified_gmt":"2015-04-28T00:17:38","slug":"%e2%80%9eholocaust-vor-dem-holocaust%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=26319","title":{"rendered":"\u201eHolocaust vor dem Holocaust\u201c"},"content":{"rendered":"<ul>\n<div>\n<figure style=\"width: 438px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" \" src=\"https:\/\/fbcdn-sphotos-d-a.akamaihd.net\/hphotos-ak-xfa1\/v\/t1.0-9\/556231_10150675403627270_1860379659_n.jpg?oh=0051ab2b50c9d8a88b9e0964b60f86a0&amp;oe=55E227DC&amp;__gda__=1440989395_e39fd852595a2d2716666aa95fd3d862\" alt=\"\" width=\"438\" height=\"291\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Foto: Michael Hesemann mit Papst Franziskus<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\">Herrn<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dr. Frank-Walter Steinmeier<br \/>\nBundesminister des Ausw\u00e4rtigen<br \/>\nAusw\u00e4rtiges Amt<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">11013 Berlin<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">poststelle@auswaertiges-amt.de<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">27. April 2015<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sehr geehrter Herr Minister,<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">gerade komme ich von einem Ereignis, auf dem ich Sie eigentlich gerne  gesehen h\u00e4tte, zur\u00fcck, n\u00e4mlich der V\u00f6lkermord-Gedenkfeier in  Jerevan\/Armenien. Nun, zumindest hat sich Deutschland in der besagten  Bundestagsdebatte zu seiner Mitschuld an diesem gr\u00f6\u00dften Verbrechen des  Ersten Weltkriegs bekannt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Um mich kurz vorzustellen: Ich bin  Historiker und habe im Vatikanarchiv zu den Ereignissen von 1915-1918  recherchiert, rund 2500 Seiten bislang unver\u00f6ffentlichter Dokumente  ausgewertet und dazu ein Buch verfasst, das im M\u00e4rz unter dem Titel  \u201eV\u00f6lkermord an den Armeniern\u201c erschien. Ich habe ebenfalls ein Buch zum  Nationalsozialismus geschrieben, \u201eHitlers Religion\u201c, das von der  Fachwelt weitgehend positiv aufgenommen und in Deutschland und Polen zum  Bestseller wurde. Ich denke, diese wissenschaftliche T\u00e4tigkeit befugt  mich, mir ein eigenes Urteil in dieser Frage zu erlauben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Umso  unverst\u00e4ndlicher, ja erschreckender erscheinen mir Ihre Worte in Ihrem  Gespr\u00e4ch mit dem \u201eSpiegel\u201c, ver\u00f6ffentlicht in der j\u00fcngsten Ausgabe des  Nachrichtenmagazins vom 25.4.2015. Darin bezeichnen Sie \u201edie  Sprachlosigkeit zwischen T\u00fcrken und Armeniern\u201c als das \u201eeigentliche  Problem\u201c und warnen, \u201edass wir am Ende nicht denen recht geben, die ihre  eigentliche politische Agenda verfolgen und sagen: Der Holocaust hat  eigentlich vor 1933 begonnen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In beiden Punkten muss ich Ihnen entschieden widersprechen:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">1. Das Problem ist nicht die \u201eSprachlosigkeit\u201c zwischen T\u00fcrken und  Armeniern. Das Problem ist, dass die T\u00fcrkei bis heute beharrlich  leugnet, dass ein geplanter V\u00f6lkermord an den Armeniern stattgefunden  hat, w\u00e4hrend alle historischen Fakten, auch die Dokumente aus Ihrem  eigenen Archiv, das Gegenteil belegen. Ich zitiere nur, was der damalige  t\u00fcrkische Innenminister Talaat Pascha dem deutschen Generalkonsul  Johann Heinrich Mordtmann laut dessen Information an das Ausw\u00e4rtige Amt  erkl\u00e4rte. Talaat, so Mordtmann \u201e\u00e4u\u00dferte sich ohne R\u00fcckhalt \u00fcber die  Absichten der Regierung, die den Weltkrieg dazu benutze um mit ihren  innern (sic!) Feinden \u2013 den einheimischen Christen aller Konfessionen  \u2013  gr\u00fcndlich aufzur\u00e4umen, ohne durch diplomatische Interventionen des  Auslandes gest\u00f6rt zu werden.\u201c  Gew\u00f6hnlich haben sich die T\u00e4ter bei ihren  Opfern zu entschuldigen. Es ist nicht die Sache Jerevans, mit den  T\u00fcrken zu diskutieren, ob denn 1,5 Millionen Armenier wirklich  absichtlich ermordet wurden. Es ist die Sache Ankaras, sich bei den  Armeniern zu entschuldigen und Wiedergutmachung f\u00fcr die t\u00fcrkischen  Verbrechen zu leisten! Das ist der einzige Weg zur Auss\u00f6hnung. Oder  h\u00e4tten Ihrer Ansicht nach auch die Juden h\u00f6flich darum bitten m\u00fcssen,  dass sich Deutschland endlich dazu bequemt, sich zum Holocaust zu  bekennen? Als Christ glaube ich, dass in jedem Fall Vers\u00f6hnung und  Vergebung m\u00f6glich sind. Sie setzen aber immer eines voraus: Bekenntnis  und Reue! Dass die T\u00fcrkei eben dazu nicht bereit ist, dass sie  stattdessen ihre Verbrechen negiert, jede Erinnerung an sie diplomatisch  oder mit wilden Schimpftiraden (wie gegen den Papst oder auch den  Bundespr\u00e4sidenten) zu unterdr\u00fccken versucht, dass sie damit nach hundert  Jahren noch immer die T\u00e4ter sch\u00fctzt und die Opfer verh\u00f6hnt (bis hin zu  der perfiden Unterstellung, die Armenier seien selber schuld an ihrem  Schicksal gewesen, weil sie doch die Chuzpe hatten, rechtliche  Gleichstellung und politische Mitbestimmung zu fordern), das ist das  eigentliche Problem und der Grund daf\u00fcr, dass die Wunden bis heute nicht  verheilen konnten. Deutschland h\u00e4tte gerade als ehemaliger Verb\u00fcndeter  des Osmanischen Reiches, als Mitwisser (wie Ihre eigenen Archivdokumente  zu Gen\u00fcge belegen) und in einzelnen F\u00e4llen sogar als Mitt\u00e4ter (der  deutsche General Graf Wolf von Wolfskehl etwa kommandierte die  Artillerie, die auf die Armenier in Urfa das Feuer er\u00f6ffnete,  Generalleutnant Friedrich Bronsart von Schellendorf als Generalstabschef  des osmanischen Feldheeres erteilte sogar Befehle zur Deportation von  Armeniern und gilt als einer der Organisatoren des V\u00f6lkermordes; 1919  verteidigte er seine Verbrechen mit den Worten \u201eDer Armenier ist, wie  der Jude, au\u00dferhalb seiner Heimat ein Parasit\u201c) die historische Pflicht,  die T\u00fcrkei zu einer Anerkennung ihrer T\u00e4terschaft zu dr\u00e4ngen. Die Rolle  eines \u201eneutralen Vermittlers\u201c, die Sie offenbar gerne f\u00fcr sich  proklamieren w\u00fcrden, steht Ihnen dabei nicht zu. Deutschland war 1915\/16  nicht neutral und ist es daher heute auch nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">2. Geradezu  peinlich erscheint mir Ihr Versuch, den Holocaust daf\u00fcr zu  instrumentalisieren, einen Keil zwischen Armenier und Juden zu treiben  und Ihre eigenen Vers\u00e4umnisse in dieser Frage nicht nur zu legitimieren,  sondern auch noch zu moralisieren. Es ist ein recht merkw\u00fcrdiges  Geschichtsverst\u00e4ndnis, das Sie hier vertreten und das leicht den  Eindruck entstehen l\u00e4sst, die Nazis seien 1933 aus der H\u00f6lle  hervorgekrochen oder in einem Raumschiff gelandet und h\u00e4tten 1945 die  Erde wieder verlassen. Als Historiker muss ich Sie dar\u00fcber belehren,  dass kein einziges geschichtliches Ereignis isoliert zu betrachten ist.  Geschichte ist immer das Ergebnis einer langen Verkettung von Ursachen,  Wirkungen und Reaktionen. Die T\u00e4ter des Holocaust waren keine  unbeschriebenen Bl\u00e4tter, es waren M\u00e4nner mit einer Vergangenheit. Auch  ihre verbrecherische Ideologie ist nicht das Ergebnis einer pl\u00f6tzlichen  diabolischen Offenbarung, sondern herangewachsen aus dem Sumpf  europ\u00e4ischer Irrlehren und Wahnideen des 19. Jahrhunderts, des gleichen  Sumpfes \u00fcbrigens, aus dem auch die protofaschistische Ideologie des  Jungt\u00fcrken-Regimes erwuchs. Dass ausgerechnet Bronsart von Schellendorff  1926 Vorsitzender des NS-nahen Tannenbergbundes wurde, der wiederum auf  Hitlers einstigen Mitk\u00e4mpfer General Erich Ludendorff zur\u00fcckging, ist  ebenso bezeichnend wie die Tatsache, dass die NSDAP, damals noch DAP,  auf Rudolf von Sebottendorff  zur\u00fcckgeht, der zuvor im Dienste der  Jungt\u00fcrken stand. Selbst Auschwitz-Kommandant Rudolf H\u00f6\u00df diente in der  T\u00fcrkei und war Zeuge des V\u00f6lkermordes. So ist es kein Zufall, dass  Hitler mit den Worten \u201eWer redet denn heute noch von der Vernichtung der  Armenier?\u201c seinen Einmarsch in Polen und die geplante Vernichtung der  polnischen Elite vor seinen Gener\u00e4len zu legitimieren versuchte. Der  V\u00f6lkermord an den Armeniern diente dann auch als Blaupause f\u00fcr die  \u201eEndl\u00f6sung der Judenfrage\u201c. Lediglich in der Industrialisierung des  T\u00f6tens, der Erfindung regelrechter Menschenvernichtungsfabriken in den  Todeslagern, ersetzten die Nazis die barbarische Grausamkeit der T\u00fcrken  durch eiskalte, b\u00fcrokratisierte Unmenschlichkeit und machten den  Holocaust zum unbestreitbaren Tiefpunkt der Menschheitsgeschichte. Er  ist uns zur schrecklichen Mahnung geworden, dass sich Geschichte nicht  wiederholen darf. Aber er lehrt auch, dass die Hinnahme eines  V\u00f6lkermordes gleicherma\u00dfen die Legitimation f\u00fcr den n\u00e4chsten ist. Denn  daraus, dass eine Nation erfolgreich ihre Verbrechen vertuschen kann,  folgert die n\u00e4chste, dass sie ebenfalls nicht zur Rechenschaft gezogen  wird.<br \/>\nDaher darf es keine \u201eV\u00f6lkermorde erster und zweiter Klasse\u201c  geben, Herr Minister Steinmeier, nicht solche, die man ungestraft  leugnen darf und solche, deren Leugnung zurecht zur gesellschaftlichen  \u00c4chtung f\u00fchrt. Der Armenozid und der Holocaust sind untrennbar  miteinander verbunden. Die Idee, ein ganzes Volk auszurotten, wurde in  der T\u00fcrkei geboren. W\u00e4re es den T\u00fcrken nicht so erfolgreich gelungen,  den Genozid an den Armeniern totzuschweigen und zu leugnen, h\u00e4tte Hitler  es vielleicht nie gewagt, die Gr\u00e4uel der Vernichtung fast eines ganzen  Volkes im Herzen Europas zu wiederholen.<br \/>\nDeutschland lie\u00df nicht nur  zu, dass die T\u00fcrkei ungestraft ihre Morde beging, es nahm sie zum  Vorbild f\u00fcr sein eigenes, gr\u00f6\u00dftes Verbrechen. Aber Deutschland stand  auch zu seiner Verantwortung nach dem Krieg, zeigte Reue, bat um  Vergebung und leistete Wiedergutmachung. Dass es darin der T\u00fcrkei zum  Vorbild wird, daran sollte das Ausw\u00e4rtige Amt arbeiten.<br \/>\nDie von  Ihnen vertretene Idee von der Singularit\u00e4t der Schoah wies schon der  deutsche Historiker Hagen Schulze mit einem klugen Argument zur\u00fcck: \u201eDas  Singul\u00e4re lehrt nichts f\u00fcr die Zukunft, denn es ist in seiner Natur  nicht wiederholbar.\u201c So war es geradezu prophetisch, als der deutsche  Pazifist Heinrich Vierb\u00fccher drei Jahre vor der Machtergreifung der  Nazis den Berliner Prozess gegen den armenischen Talaat-Attent\u00e4ter  Salomon Teilirian als \u201eKlage gegen die Schuld des Vergessens\u201c  bezeichnete, \u201edas seinen tr\u00fcgerischen Schleier \u00fcber Abgr\u00fcnde bereitet,  die sich morgen wieder auftun k\u00f6nnen.\u201c Das sahen 126 f\u00fchrende  Holocaust-Forscher \u00e4hnlich, als sie am 9. Juni 2000 in einer Anzeige in  der \u201eNew York Times\u201c die Anerkennung des Armenozids als V\u00f6lkermord  forderten. Ausgerechnet der Friedensnobelpreistr\u00e4ger von 1986, der  Auschwitz-\u00dcberlebende Elie Wiesel, bezeichnete schon vor 65 Jahren in  einer auf Jiddisch verfassten Brosch\u00fcre den V\u00f6lkermord von 1915\/6 ganz  bewusst als \u201eHolocaust vor dem Holocaust\u201c und wies damit als Erster auf  den Zusammenhang von Armenozid und Schoah hin. Wollen Sie auch ihm  unterstellen, damit den Holocaust relativiert zu haben? Und was sagen  Sie dazu, dass breite Kreise in der israelischen Politik l\u00e4ngst ganz  anderer Ansicht sind und keine Schwierigkeiten damit haben, den  Armenozid als \u201eV\u00f6lkermord\u201c zu kategorisieren, wie es \u00fcbrigens auch der  \u201eZentralrat der Juden in Deutschland\u201c unl\u00e4ngst tat?<br \/>\nSolange das t\u00fcrkische Urverbrechen geleugnet wird, besteht immer wieder die Gefahr seiner Wiederholung, auch in unserer Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und das zu verhindern sollte eine Pr\u00e4misse, ja die Urverantwortung deutscher Au\u00dfenpolitik sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Denn nur dann haben wir unsere Lektion aus der Geschichte wirklich gelernt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/michael.hesemann?fref=nf\">Michael Hesemann<\/a><br \/>\nHistoriker und Autor des Buches<br \/>\n\u201eV\u00f6lkermord an den Armeniern\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Quelle:<a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/michael.hesemann?fref=nf\"> https: www.facebook.com\/michael.hesemann<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herrn Dr. Frank-Walter Steinmeier Bundesminister des Ausw\u00e4rtigen Ausw\u00e4rtiges Amt 11013 Berlin poststelle@auswaertiges-amt.de 27. 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