{"id":26482,"date":"2015-05-20T00:06:54","date_gmt":"2015-05-19T22:06:54","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=26482"},"modified":"2015-05-20T00:06:54","modified_gmt":"2015-05-19T22:06:54","slug":"%e2%80%9eein-genozid-bleibt-auch-wenn-man-ihn-verleugnet-ein-genozid-%e2%80%9c","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=26482","title":{"rendered":"\u201eEin Genozid bleibt, auch wenn man ihn verleugnet, ein Genozid.\u201c"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" style=\"margin-left: 5px; margin-right: 5px;\" title=\"Do\u011fan Akhanl\u0131 im Gespr\u00e4ch mit Safiye Can\" src=\"https:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/styles\/630x420\/public\/uploads\/2015\/05\/dogan_akhanli_im_gespraech_mit_safiye_can.jpg?itok=pzgvfg0d\" alt=\"Do\u011fan Akhanl\u0131 im Gespr\u00e4ch mit Safiye Can\" width=\"261\" height=\"174\" \/>05. Mai. 2015 von<a href=\"https:\/\/heimatkunde.boell.de\/person\/safiye-can\"> Safiye Can<\/a><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em> <\/em><em>Lieber Do\u011fan, Du bist ein t\u00fcrkischst\u00e4mmiger, t\u00fcrkisch- und deutschsprachiger Schriftsteller und lebst seit 1991 in K\u00f6ln. <\/em>Bereits  in jungen Jahren warst du politisch aktiv und gerietest als  linksorientierter Aktivistnach dem Milit\u00e4rputsch 1980 in der T\u00fcrkei ins  Visier des Milit\u00e4rregimes. Nach deiner Inhaftierung von 1985 bis 1987  als politischer H\u00e4ftling bist Du gemeinsam mit deiner Familie (Frau und  einj\u00e4hrigem Sohn) nach Deutschland geflohen, wo man dir als politischer  Fl\u00fcchtling Asyl gew\u00e4hrte. Kannst Du uns von Deinen ersten Eindr\u00fccken im  K\u00f6lner Exil berichten?<!--more--><\/div>\n<div>\n<div>\n<div>\n<p style=\"text-align: left;\">Ende 1991 landeten wir als mittellose Fl\u00fcchtlingsfamilie in K\u00f6ln.  Gerade passierten die Pogrome und Brandanschl\u00e4ge in Hoyerswerda, in  Rostock-Lichtenhagen, in M\u00f6lln. Wir lebten in einem Asylbewerberheim.  Obwohl unser Asylantrag noch nicht anerkannt war, durften wir in eine  Wohngemeinschaft ziehen, weil unsere zuk\u00fcnftigen Mitbewohner uns dazu  einluden. Sie hatten sich entschlossen, mit einer Asylbewerberfamilie  zusammen zu wohnen. Kurze Zeit nach unserem Einzug starben f\u00fcnf Menschen  bei einem Brandanschlag auf ein Zweifamilienhaus in Solingen. Es war  unertr\u00e4glich f\u00fcr uns, nach so langer Verfolgung im Herkunftsland weiter  in einer bedrohlichen Situation leben zu m\u00fcssen. Aber auf der anderen  Seite war mir bewusst, dass wir in dieser WG einen Schutzraum erhalten  hatten, der uns erm\u00f6glichte, unser Leben noch mal aufzubauen. Das gelang  uns auch im Laufe der Zeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Welche Bedeutung und besonderen Stellenwert hat die Stadt K\u00f6ln f\u00fcr Dich als Schriftsteller?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In K\u00f6ln begann ich zu schreiben. Es war ein absolutes Gl\u00fcck, dass ich  das konnte. Das Schreiben hat mein Leben v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Ich bin von  einem \u00fcberzeugten Aktivisten, der glaubte, er wisse alles Wesentliche  \u00fcber die Welt, zu einem Menschen geworden, der mehr Fragen als Antworten  hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Ist  die ewige Willk\u00fcr der t\u00fcrkischen Justiz nicht peinlich f\u00fcr die T\u00fcrkei,  die sich als fortschrittliche Demokratie versteht? Dein Prozess wird zur  Farce: auf deine Verhaftung im August 2010 folgt ein Jahr sp\u00e4ter zu  Recht ein Freispruch, doch die Staatsanwaltschaft geht in Revision und  bis zum heutigen Tag hat das t\u00fcrkische Gericht noch nicht entschieden,  ob der Fall aufgerollt wird oder nicht. Die Unentschlossenheit des  Gerichts hat sie aber nicht daran gehindert, einen internationalen  Haftbefehl gegen Dich zu erlassen.<\/em> <em>Und wie gehst Du mit diesen \u201ekafkaesken\u201c Verh\u00e4ltnissen um?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mir ist bewusst, dass ich gerettet wurde, weil ich ein deutscher  Staatsb\u00fcrger bin. Als t\u00fcrkischer Staatsb\u00fcrger w\u00e4re das wahrscheinlich  anders ausgegangen. Die T\u00fcrkei f\u00fchrt n\u00e4mlich seit hundert Jahren fast  nur Krieg gegen seine eigenen B\u00fcrger. Sie haben die Armenier vernichtet,  die Griechen massakriert und vertrieben, dadurch entstand die T\u00fcrkische  Republik. Es gab kaum eine Gruppe in der T\u00fcrkei, die nicht aus  politischem Kalk\u00fcl Opfer von staatlichen Gewalttaten und Untaten wurde.  Es wurden zum Beispiel w\u00e4hrend des Krieges gegen die Kurden abertausende  Menschen get\u00f6tet oder sind spurlos verschwunden. Wir wissen nicht  einmal, wo ihre Gr\u00e4ber sind. Jeder B\u00fcrger und jede B\u00fcrgerin in der  T\u00fcrkei wei\u00df das. Die Solidarit\u00e4t, die mich gerettet hat, \u00e4rgert die  M\u00e4nner in dem Land, die bei der Justiz, der Polizei und anderen  hochrangigen Positionen sitzen. Sie k\u00f6nnen und werden mir nie verzeihen,  weil ich der Mehrheitsgesellschaft angeh\u00f6re und \u00fcber die sozialen und  politischen Themen sehr kritische Meinungen habe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich habe bei einem Interview behauptet, dass ich nicht mehr in der  Fremde, im Exil bin, sondern angekommen sei. Und mir ist eingefallen,  dass ich seit meiner Freilassung weder einen Roman, noch eine  Kurzgeschichte auf T\u00fcrkisch verfasst habe. Und ich frage mich, ob es ein  Zufall ist, dass ich mein Monodrama \u201eAnnes Schweigen\u201c auf Deutsch  geschrieben habe. Oder ein Hinweis, der zeigt, dass ich immer noch ein  St\u00fcck im Exil geblieben bin. Anfang des Jahres habe ich dar\u00fcber  nachgedacht und wollte die Barriere \u00fcberwinden. Ich begann einen Roman  auf T\u00fcrkisch zu schreiben. Es gelingt mir. Es hat mich sehr gefreut,  dass die Willk\u00fcr der t\u00fcrkischen Justiz mich doch nicht auf ewig ins Exil  schickte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Du bist auch Mitbegr\u00fcnder der Raphael-Lemkin-Bibliothek. Welche Ziele verfolgt diese Institution?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es ist keine richtige Institution, sondern eine symbolische. Die  Lemkin Bibliothek ist nur ein Regal. Und dieses Regal ist eine  Institution, die sich in dem interkulturellen Stadtteilzentrum \u201e<strong><a href=\"http:\/\/www.allerweltshaus.de\/\" target=\"_blank\">Allerweltshaus<\/a><\/strong>\u201c  in K\u00f6ln befindet. Das Allerweltshaus verf\u00fcgt bereits \u00fcber eine  internationale und interkulturell ausgerichtete Bibliothek (Eintrag der  Redaktion: Sachb\u00fccher, Belletristik, Unterrichtsmaterialien,  Fachzeitschriften, Kinder- und Jugendb\u00fccher), die von  Stadtteilinitiativen genutzt wird. Die Raphael-Lemkin Bibliothek  verfolgt das Ziel, den Bestand der Literatur zu historisch ver\u00fcbten  Verbrechen zu erg\u00e4nzen, deren Spuren und Nachwirkungen in der Gegenwart  im kollektiven Ged\u00e4chtnis pr\u00e4sent sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><strong>Raphael Lemkin<\/strong><\/em> (1900 &#8211; 1959) gilt als  \u201eVater der V\u00f6lkermord-Konvention\u201c und ist gleichzeitig ein \u00fcberwiegend  vergessener Gerechter. Bereits seit 1930 setzte er sich f\u00fcr die  Einf\u00fchrung einer internationalen Konvention zum Schutz kultureller,  religi\u00f6ser, ethnischer Gruppen ein. Er bildete 1944 den Begriff  \u201egenocide\u201c und entwickelte den Entwurf der V\u00f6lkermord-Konvention, die  dann aber erst 1948 von der UNO verabschiedet wurde. Er entstammte einer  polnisch-j\u00fcdischen Familie, entwickelte seine v\u00f6lkerrechtliche Arbeit  aber am geschichtlichen Beispiel des Schicksals der Armenier im Ersten  Weltkrieg.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ziel des Projektes ist die F\u00f6rderung einer interkulturellen Kompetenz  zur Verst\u00e4ndigung \u00fcber die konflikthaften Beziehungsgeschichten von  Deutschen und Migranten. Das Projekt setzt einerseits auf einer lokalen  Ebene an, greift aber andererseits exemplarisch internationale Kontexte  auf. Kurzgesagt: es ist ein Angebot f\u00fcr einen transnationalen  Ged\u00e4chtnisraum in Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Dein  Roman \u201eRichter des j\u00fcngsten Gerichts\u201c ist eine meisterhafte Erz\u00e4hlung,  die sich mit dem V\u00f6lkermord der armenischen Bev\u00f6lkerung in der T\u00fcrkei  auseinandersetzt. Wieso hast Du Dich letztendlich f\u00fcr dieses Thema  entschieden?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das hatte mit meiner Biografie, meiner Gewalterfahrung zu tun. Dass  ich verfolgt und gefoltert wurde, war vermutlich der Grund daf\u00fcr, dass  ich mich mit der historischen Gewalt meines Herkunftslandes besch\u00e4ftigt  habe. Die Frage war: Wie kann ich mit meiner eigenen Gewalterfahrung  umgehen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielleicht finde ich auch deshalb biografische Arbeiten mit Bez\u00fcgen  zur gro\u00dfen Gewalt interessant. Der Schutzraum Deutschland hat mir  erm\u00f6glicht, \u00fcber meine Vergangenheit, meine Gewalterfahrung nachdenken  zu k\u00f6nnen. Wenn ich in der T\u00fcrkei geblieben w\u00e4re, h\u00e4tte ich keine Ruhe  gehabt, um \u00fcber mich und meine Vergangenheit, \u00fcber die Beziehungen  zwischen meiner und anderen Gewaltgeschichten nachzudenken, sie zu  bearbeiten. Es war eine wichtige Entdeckung f\u00fcr mich, dass ich nicht das  einzige Opfer bin. Wir Linken sind nicht die einzigen Opfer der  Gewaltgeschichte. Ich habe hier andere Opfergruppen kennengelernt: die  Aleviten mit ihrer Geschichte oder die Kurden. \u00dcber die Armenier hatte  ich als Kind geh\u00f6rt, dass sie massakriert und vertrieben worden waren,  das war es. Das war f\u00fcr mich ein lokales Massaker. Sp\u00e4ter habe ich hier  in Deutschland durch die Genozidforschung und durch Zeitzeugenberichte  erfahren, dass es an unterschiedlichen Orten \u00e4hnliche Erz\u00e4hlungen gab,  und das zeigt, dass es eine zentrale Planung gegeben hatte. Das war f\u00fcr  mich eine Schl\u00fcsselerkenntnis: Der Staat hat \u00fcberall gleiche Massaker  ver\u00fcbt. Man nennt das nach der Lemkin-Definition Genozid. Und da war die  Frage: Was hat das mit mir zu tun, was hat meine Gewalterfahrung mit  der Gewalterfahrung der Armenier Anfang des 20. Jahrhunderts zu tun?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich habe als Literat begonnen, \u00fcber die Gewalterfahrung meiner  Generation zu schreiben. Dann bin ich einhundert Jahre zur\u00fcck gegangen  und habe begonnen, das Buch \u201eDie Richter des J\u00fcngsten Gerichts\u201c zu  schreiben. Ich hatte gesp\u00fcrt, dass es eine Verbindung zwischen meiner  Gewalterfahrung und der Gewalterfahrung der Armenier, aber\u00a0auch  Unterschiede, gibt. Anders als ich haben die Armenier eine absolute,  totale, ultimative Willk\u00fcr der Macht erlebt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Dein  Engagement f\u00fcr die Aufarbeitung historischer Verbrechen verdient  h\u00f6chsten Respekt. Du hast es Dir quasi zur Lebensaufgabe gemacht, eine  gemeinsame interkulturelle Erinnerungsarbeit zwischen Armenieren und  T\u00fcrken zu f\u00f6rdern. Dar\u00fcber hinaus bietest Du t\u00fcrkische und  deutschsprachige F\u00fchrungen im EL-DE Haus (ehemaliges K\u00f6lner  Gestapo-Gef\u00e4ngnis) an. Glaubst Du, dass t\u00fcrkische Mitb\u00fcrger in  Deutschland den armenischen V\u00f6lkermord besser verstehen oder sich eher  mit ihm auseinandersetzen, wenn sie mit den Verbrechen der Nazis und dem  Holocaust konfrontiert werden? <\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich hoffe es. Als ich die t\u00fcrkischsprachigen F\u00fchrungen im EL-DE-Haus  im September 2002 begann, wusste ich nur, dass meine Landsleute nicht  mit leeren K\u00f6pfen nach Deutschland gekommen waren, sondern angenehme und  unangenehme Erinnerungen an die T\u00fcrkei im Gep\u00e4ck hatten. Gef\u00e4ngnis,  Verfolgung, Flucht, Vernehmungen, Verbannung, Folter, aber auch der  V\u00f6lkermord an den Armeniern machte einen erheblichen Teil unserer  Erinnerungen aus. Die individuelle wie kollektive  Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, die Auseinandersetzung mit der eigenen  Vergangenheit sowie mit der T\u00fcrkei, ist angstbeladen und wird deshalb  gern umgangen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die offizielle T\u00fcrkei hat bis heute nicht mit der Aufarbeitung des  V\u00f6lkermords an den Armeniern begonnen und sich auch nicht f\u00fcr das  Schicksal ihrer Staatsangeh\u00f6rigen in der NS-Zeit interessiert. Ich hoffe  durch die F\u00fchrungen, dass die Einwanderer aus der T\u00fcrkei sehen, dass  ein anderer Umgang mit der Geschichte m\u00f6glich ist. Wenn sich ein  Gewaltort zu einem Ort der Erinnerung und Bildung verwandelt, zeigt  sich, dass wir die Vergangenheit \u00e4ndern werden, wie es sich <em>Walter Benjamin<\/em> vorgestellt hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Dein  Theaterst\u00fcck \u201eAnnes Schweigen\u201c thematisiert die \u00dcberwindung des  Identit\u00e4tsverlusts durch die Konfrontation mit der Vergangenheit des  eigenen Volkes. Tragen das Nichtverarbeiten und die Verzerrung der  Verbrechen aus der eigenen Vergangenheit zu einer fehlerhaften  Entwicklung des Nationalbewusstseins eines Volkes bei?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die T\u00fcrkische Republik wurde auf einem Keller voller Leichen  errichtet, in dem armenische, assyrische, aram\u00e4ische, Pontosgriechen und  andere B\u00fcrger und B\u00fcrgerinnen liegen. Die t\u00fcrkische Staatsgr\u00fcndung  basiert auf einem Genozid. Und weil sich dieser Staat in all diesen  Jahren bis heute beharrlich gegen eine Aufarbeitung seiner Schuld  stellt, hat er sich zu einem Serienmord begehenden Monstrum verwandelt.  1938 hat er die Kurden und Aleviten in Dersim zerschmettert und mit der  Verm\u00f6genssteuer und den Pogromen das Alltagsleben der Christen und Juden  in eine H\u00f6lle verwandelt. Wenn in einem Land genau am Tag des Gedenkens  an den Armeniergenozid der armenisch-st\u00e4mmige Soldat <em>Sevak Bal\u0131k\u00e7\u0131yan<\/em> in einer Milit\u00e4rkaserne und wenige Jahre zuvor der Armenier <a href=\"http:\/\/www.hrantdink.org\/\"><em>Hrant Dink<\/em><\/a> mitten in Istanbul erschossen werden, wenn in Kurdistan das Leiden kein  Ende nimmt, dann auch deshalb, weil eine Politik der Verleumdung des  Genozids betrieben wird und weil man die Geschichtsschreibung der  Historikerzunft zuschiebt. Das ist nicht nur die Arroganz des  Nicht-wissen-wollens und des Nicht-zur-Kenntnis-nehmens, sondern z\u00fcchtet  immer wieder staatliche Mordbereitschaft und nationalistisch  begr\u00fcndetes Morden. Ein Genozid bleibt, auch wenn man ihn verleugnet,  ein Genozid. Es ist die Pflicht eines jeden B\u00fcrgers in der T\u00fcrkei sich  mit der eigenen Geschichte auseinanderzusetzen und f\u00fcr die W\u00fcrde der  Opfer, f\u00fcr Gerechtigkeit und gegen k\u00fcnftiges Blutvergie\u00dfen zivilen  Ungehorsam und Widerstand zu leisten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gleichzeitig ist es auch eine Aufgabe der gesamten Menschheit, die  T\u00fcrkei zur Auseinandersetzung mit ihrer historischen Schuld zu dr\u00e4ngen.  Denn Genozide der Vergangenheit wie der Zukunft sind  Menschheitsverbrechen, Verbrechen an der Menschheit wie an der  Menschlichkeit. Daher zeugt es von Unmenschlichkeit, wenn die  Bundesregierung eine revisionistische Haltung zum hundertsten Jahrestag  des Genozids einnimmt, ihn relativiert und die deutsche Mitverantwortung  gleich mit. Und das, obwohl gerade die Bundesrepublik Deutschland  gelernt hat, sich wegen Auschwitz und trotz Auschwitz, ihrer  Vergangenheit zu stellen, und dar\u00fcber hinaus doch dieses Land offiziell  anerkennt, dass es \u201ekeine deutsche Identit\u00e4t ohne Auschwitz gibt\u201c, wie  der Bundespr\u00e4sident k\u00fcrzlich richtig gesagt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Was sind Deine neuen Projekte? K\u00f6nnen wir uns auf ein neues Werk von Dir freuen?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Herbst ver\u00f6ffentlicht mein Verlag in \u00d6sterreich mein zweites Buch, &#8222;Die Tage ohne Vater&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Worum geht es da?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im ausgehenden 20. Jahrhundert flieht der Musiker Mehmet Naz\u0131m aus  seinem Heimatland ins politische Asyl nach K\u00f6ln. Im heutigen K\u00f6ln lernt  Mehmet Naz\u0131m Polaris kennen, eine kluge, geheimnisvoll sch\u00f6ne Frau, in  die er sich vom ersten Moment an verliebt. Beide erleben eine kurze,  aber leidenschaftliche Liebe, die zugleich eine Reise auf den Spuren  Heinrich B\u00f6lls und James Joyce&#8216; ist. Die Geschichte dieser drei Figuren  verkn\u00fcpft auch drei Disziplinen: Die Literatur (Polaris), die Musik  (Mehmet Naz\u0131m) und die Mathematik (der Vater). Die Erz\u00e4hlweise der  Figuren wird durch ihre Berufe beeinflusst. Mehmet Nazims Sprache ist  musikalisch und rhythmisch, der Mathematikprofessor erz\u00e4hlt  zielgerichtet, argumentiert logisch, und Polaris redet wie eine  Literatin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Klingt  sehr vielversprechend! Nun zu meiner letzte Frage an Dich: Wenn man  Dich auf eine einsame Insel verbannen w\u00fcrde, w\u00e4re die eine Sache, die Du  nicht mitnehmen w\u00fcrdest, was?<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Gef\u00fchl von Hass.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/sites\/default\/files\/pics\/fragezeichen_gruen_in_gruen.jpg\" alt=\"\" \/><\/em><em>Ich bedanke mich f\u00fcr das Interview!<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Interview f\u00fchrte <a href=\"http:\/\/heimatkunde.boell.de\/person\/safiye-can\">Safiye Can<\/a> im April 2015<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Do\u011fan Akhanl\u0131 im Gespr\u00e4ch mit Safiye Can.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Foto: Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung. All rights reserved<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05. Mai. 2015 von Safiye Can Lieber Do\u011fan, Du bist ein t\u00fcrkischst\u00e4mmiger, t\u00fcrkisch- und deutschsprachiger Schriftsteller und lebst seit 1991 in K\u00f6ln. 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