{"id":27785,"date":"2016-04-04T20:09:46","date_gmt":"2016-04-04T18:09:46","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=27785"},"modified":"2016-09-01T21:36:35","modified_gmt":"2016-09-01T19:36:35","slug":"proteste-gegen-verzerrende-medienberichterstattung-uber-berg-karabach","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=27785","title":{"rendered":"Proteste gegen verzerrende Medienberichterstattung \u00fcber Berg-Karabach"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong> <\/strong>In deutschen und internationalen Medien erscheint der Konflikt in und um  Berg-Karabach nicht in seinen menschenrechtlichen Dimensionen, sondern  als zwischenstaatlicher Konflikt der beiden s\u00fcdkaukasischen L\u00e4nder  Aserbaidschan und Armenien.<br \/>\nDagegen wehren sich Fachwissenschaftler_innen.<br \/>\nWir ver\u00f6ffentlichen als Beispiel den Offenen Brief einer M\u00fcnchener Osteuropahistorikerin:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>An die Redaktion der Tagesschau<\/strong><br \/>\n<strong>Offener Brief<\/strong><\/p>\n<p><strong>Arpine Maniero<\/strong><br \/>\n<strong> Osteuropahistorikerin in M\u00fcnchen<\/strong><br \/>\n<strong> arpi.maniero@gmail.com<\/strong><br \/>\n<strong> M\u00fcnchen, den 04.04.2016 <\/strong><\/p>\n<p>Sehr geehrte Damen und Herren,<\/p>\n<p>unter der \u00dcberschrift \u201ePulverfass im S\u00fcdkaukasus\u201c versucht die Redaktion  der Tagesschau, die Hintergr\u00fcnde des Bergkarabach-Konflikts aus dem  Anlass der neuesten Eskalation zu erl\u00e4utern (<a href=\"http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/kaukasus-armenien-aserbaidschan-konflikt-berg-karabach-101.html\" target=\"_blank\">http:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/kaukasus-armenien-aserbaidschan-konflikt-berg-karabach-101.html<\/a>).<\/p>\n<p>Vorbehaltlich der Tatsache, dass mit diesen knappen Zeilen eine so  komplizierte Situation nicht objektiv dargestellt werden kann, kann  dieser Beitrag eines \u00f6ffentlich-rechtlichen Nachrichtendienstes nur f\u00fcr  Emp\u00f6rung sorgen. So eine Ausf\u00fchrung kl\u00e4rt die gegenw\u00e4rtige Situation  keinesfalls auf, sorgt dagegen aber f\u00fcr weiteren Unmut.  <!--more--><\/p>\n<p>(Zur Situation in Berg Karabach sehen Sie bitte die Pressemitteilung der Arbeitsgruppe Anerkennung e.V. unter: <a href=\"http:\/\/www.aga-online.org\/news\/detail.php?locale=de&amp;newsId=619\" target=\"_blank\">http:\/\/www.aga-online.org\/news\/detail.php?locale=de&amp;newsId=619<\/a>)<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass dieser vielschichtige und mit diversen historischen  Z\u00e4suren belastete Konflikt nicht auf die eindimensionale Ebene einer  christlich-muslimischen Kontroverse herunterreduziert werden darf, sei  dahin gestellt. Vor dem Hintergrund der heutigen konfliktgeladenen  Situation mit Extremismus und Terrorismus, die vermeintliche Experten \u2013  trotz zahlreicher Analysen von Religionswissenschaftlern, Politikern,  Philosophen, Soziologen, Islamwissenschaftlern etc. \u2013 immer noch zu  einem rein religi\u00f6sen Konflikt zwischen Islam und Christentum abzutun  versuchen, ist so eine Stigmatisierung des Konflikts zwischen  Bergkarabach und Aserbaidschan Seites der Tagesschau-Redaktion einfach  nur unverantwortlich.<\/p>\n<p>Genauso unverantwortlich, ja gef\u00e4hrlich ist die Verbreitung von  einseitigen und fehlerhaften Informationen, die die Redaktion  wahrscheinlich damit erkl\u00e4ren w\u00fcrde, die Situation m\u00f6glichst kompakt  darstellen zu wollen. Es braucht nicht viel Zeit und M\u00fche, um zu  recherchieren, dass der Konflikt milit\u00e4risch nicht erst nach der Wende  ausbrach, sondern dass es bereits in den 1890er Jahren und in den Jahren  1905-1906 blutige Auseinandersetzungen um dieses Gebiet gab. Diese  Gefechte waren nicht zuletzt der Grund daf\u00fcr, dass die Frage um  Bergkarabach \u2013 zusammen mit den Gebieten Nachidjevan und Zangezur \u2013  immer wieder auf der politischen Tagesordnung der europ\u00e4ischen  Gro\u00dfm\u00e4chte landete. Im Unterschied zum Gebiet Zengezur, das Armenien  milit\u00e4risch halten konnte, wurde Nachidjevan mit dem Vertrag vom 16.  M\u00e4rz 1921 in Moskau als autonome Region an Aserbaidschan angeschlossen.  Um Bergkarabach entschied sp\u00e4ter allein das Zentralkomitee der  Kommunistischen Partei, wonach das Gebiet im Juli 1921 als weiteres  autonomes Gebiet Aserbaidschan \u00fcbergeben wurde. Genau genommen hatte  dieses Gebiet also einen autonomen Status innerhalb der  Aserbaidschanischen SSR.<\/p>\n<p>Weiter schreiben Sie: \u201eDaraufhin nahmen die Spannungen immer mehr zu \u2013  bis 1992 ein Krieg um das rund 12.000 Quadratkilometer gro\u00dfe Gebiet  ausbrach.\u201c Woraufhin nahmen die Spannungen \u2013 wenn ich fragen darf \u2013  genau zu? Auf die zahlreichen \u2013 friedlichen \u2013 Demonstrationen in  Armenien hin, die als Reaktion auf die vom Zentrum verk\u00fcndeten Glasnost\u2018  Ende der 1980er Jahre spontan ausgebrochen waren? Auf die harsche  Reaktion des Zentrums hin, das auf die Proteste milit\u00e4risch reagierte?  Oder vielleicht auf die Pogrome der armenischen Bev\u00f6lkerung in Baku und  Sumgait hin, denen nach unterschiedlichen Angaben hunderte friedliche  Menschen zum Opfer fielen? Und wenn Sie die Fl\u00fcchtlinge aus Bergkarabach  z\u00e4hlen, w\u00fcrde es sich allein der Objektivit\u00e4t halber nicht geb\u00fchren zu  erw\u00e4hnen, dass die gesamte armenische Bev\u00f6lkerung von den St\u00e4dten Baku,  Sumgait, Kirovabad, aber auch aus ganz Aserbaidschan vertrieben wurde?<\/p>\n<p>Der Krieg fing nicht 1992 an; der Krieg hatte eine von blutigen  Auseinandersetzungen gepr\u00e4gte Vorgeschichte, die zahlreiche Opfer auf  beiden Seiten forderte.<\/p>\n<p>Zu guter Letzt m\u00f6chten Sie behaupten, die scheinbare Einigung sei nie  wirklich zur Realit\u00e4t geworden und Bergkarabach w\u00fcrde sich in H\u00e4nden  \u201earmenischer Truppen und Milizen\u201c befinden. Der Frieden ist aber trotz  der regelm\u00e4\u00dfigen Angriffe Aserbaidschans doch Realit\u00e4t geworden. Der  Beweis daf\u00fcr ist, dass in Bergkarabach ein Staatswesen aufgebaut wurde,  gleichg\u00fcltig, ob Sie das wahrhaben wollen oder nicht. Die St\u00e4dte wurden  wieder aufgebaut, es gibt Schulen, Universit\u00e4ten, Wirtschaft, Politik  und Wahlen, die im \u00dcbrigen regelm\u00e4\u00dfig von ausl\u00e4ndischen Beobachtern  \u00fcberwacht werden. Bergkarabach ist ein de facto unabh\u00e4ngiger Staat mit  eigenem Milit\u00e4r, das die eigenen Grenzen zu sch\u00fctzen versucht.<\/p>\n<p>Was den vermeintlichen R\u00fcckhalt angeht, den Armenien von seiner  \u201eSchutzmacht\u201c Russland angeblich erf\u00e4hrt, so m\u00f6chte ich Ihre Redaktion  auch hier dringend von solch unprofessionellen Bewertungen warnen.  Russland fungiert als der strategische Partner Armeniens genauso wie die  T\u00fcrkei der strategische Partner Aserbaidschans ist. Und dennoch  verkaufte Russland an Aserbaidschan seit 2010 und bis Ende 2015 Waffen  und R\u00fcstung im Wert von beinahe 5 Milliarden Dollar. Dagegen war die  einzige Einmischung Russlands in dieser erneuten Eskalation bis jetzt  die Ermahnung von Vladimir Putin an beide Seiten, den Frieden zu achten,  w\u00e4hrend die T\u00fcrkei ihre bedingungslose Unterst\u00fctzung gegen\u00fcber  Aserbaidschan bereits mehrmals offiziell zugesichert hat.<\/p>\n<p>Ihr Fazit, dass s\u00e4mtliche Versuche, in Bergkarabach einen endg\u00fcltigen  Frieden zu bringen, bis jetzt scheiterten, ist sicher richtig. Dies ist  aber nicht zuletzt ein Resultat jener Politik, die darauf basiert, viele  Tatsachen medienwirksam zu verdrehen und \u00fcber andere stillschweigend  hinwegzusehen.<\/p>\n<p><strong>Mit freundlichen Gr\u00fc\u00dfen,<\/strong><br \/>\n<strong> Arpine Maniero<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">quelle:<a href=\"http:\/\/www.aga-online.org\/news\/detail.php?locale=de&amp;newsId=621\" target=\"_blank\"> http:\/\/www.aga-online.org<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In deutschen und internationalen Medien erscheint der Konflikt in und um Berg-Karabach nicht in seinen menschenrechtlichen Dimensionen, sondern als zwischenstaatlicher Konflikt der beiden s\u00fcdkaukasischen L\u00e4nder Aserbaidschan und Armenien. 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