{"id":27928,"date":"2016-06-12T19:17:37","date_gmt":"2016-06-12T17:17:37","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=27928"},"modified":"2016-06-12T19:17:37","modified_gmt":"2016-06-12T17:17:37","slug":"volkermord-an-den-armeniern-sie-mussten-sich-auskleiden-und-wurden-samtlich-niedergemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=27928","title":{"rendered":"V\u00f6lkermord an den Armeniern: &#8222;Sie mussten sich auskleiden und wurden s\u00e4mtlich niedergemacht&#8220;"},"content":{"rendered":"<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Armenische Opfer eines Massakers (1915)\" src=\"http:\/\/cdn4.spiegel.de\/images\/image-1002557-galleryV9-eoyt-1002557.jpg\" alt=\"Armenische Opfer eines Massakers (1915)\" width=\"455\" height=\"277\" align=\"middle\" \/><\/div>\n<div style=\"text-align: left;\">\n<div>\n<div>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #808080;\">Armenische Opfer eines Massakers (1915).\u00a0\u00a0 Getty Images\/ Bettmann Archive<\/span><\/p>\n<\/div>\n<p><strong><span style=\"color: #0000ff;\"><em>Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Er erschien in der Ausgabe 16\/2005.<\/em><\/span><\/strong><\/p>\n<p>Von <a rel=\"author\" href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/impressum\/autor-1280.html\">Klaus Wiegrefe<\/a><\/p>\n<p><strong>Verdurstete Menschen auf den  Stra\u00dfen, zu Tode gequ\u00e4lte Frauen und Kinder: Vor rund hundert Jahren  ermordeten T\u00fcrken mehr als eine Million Armenier. Eine Geschichte des  Grauens.<\/strong><\/p>\n<p>Armenische Opfer eines Massakers (1915)<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Garbis Hagopjan hasst Hunde, seit er mitansehen musste, wie  streunende Tiere den Leichnam seines Vaters zerfleischten, der an  Ersch\u00f6pfung gestorben war. &#8222;Er hat mir alles an Essen gegeben, was er  auftreiben konnte&#8220;, sagt Garbis, &#8222;er hat sich geopfert, damit ich lebe.&#8220;  Der Junge war damals acht Jahre alt, vielleicht auch neun, so genau  wei\u00df er das nicht, denn die Familienpapiere sind verloren gegangen. <!--more--> Irgendwo auf dem langen Weg zwischen seinem armenischen Heimatdorf  \u00c7algara bei Bursa in der Westt\u00fcrkei und Mossul im heutigen Irak &#8211; einem  Todesmarsch, der ihn und seine Familie w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs  quer durch das Osmanische Reich gef\u00fchrt hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Leidensgeschichte der Hagopjans begann im Fr\u00fchjahr 1915, als  t\u00fcrkische Uniformierte in \u00c7algara auftauchten und den Armeniern des  Ortes befahlen, sich auf einen Abtransport vorzubereiten. Auch die  Hagopjans mussten sich fertig machen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Garbis ging schon zur Schule, daran kann er sich erinnern &#8211; und  daran, dass er nach dem mehrt\u00e4gigen Marsch zum Sammelplatz in K\u00fctahya  die ersten Toten gesehen hat: verhungerte oder verdurstete Armenier.  Niemand k\u00fcmmerte sich um die Tausende Deportierten, die aus der ganzen  Umgebung auf freiem Feld zusammengetrieben wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schon bald lie\u00dfen die H\u00e4scher Marschkolonnen bilden. Dann ging es  bei gl\u00fchender Hitze mehrere Wochen \u00fcber staubige, baumlose Wege und  Gebirgspfade Richtung S\u00fcdosten. Der Elendszug, in dem die Familie  Hagopjan mitlief, war einige hundert Meter lang. Jeden Tag wurde er  k\u00fcrzer. Wer nicht mitkam, verendete auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schreckliche Szenen pr\u00e4gten sich dem Jungen ein: \u00dcberf\u00e4lle von  T\u00fcrken und Kurden, welche die Vertriebenen auspl\u00fcnderten; Tritte gegen  schwangere Frauen, die dann ihre F\u00f6ten verloren; die Trennung von Mutter  und Schwester, als t\u00fcrkische Gendarme vor Aleppo im heutigen Syrien den  Zug teilten. Garbis hat sie nie wiedergesehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Immerhin schafften es er, sein Vater und eine weitere Schwester bis  in die Gegend um Mossul. Dort wurden sie auf arabische D\u00f6rfer verteilt,  doch nur der Junge \u00fcberlebte die Strapazen. Eine arabische Familie nahm  ihn als Diener auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst als 1918 Amerikaner, Briten und Franzosen das Osmanische Reich  &#8211; w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs B\u00fcndnispartner Kaiser Wilhelms II. &#8211;  besiegt hatten, endete Hagopjans Leidensweg. Die Ankunft indischer  Kavalleristen des Empires in Mossul, die Bonbons in die Menge warfen,  z\u00e4hlt bis heute zu den sch\u00f6nsten Momenten in seinem langen Leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Garbis Hagopjan wohnt in Paris und muss in diesen Tagen oft das  Erlebte berichten. Denn er geh\u00f6rt zu den wenigen, die den ersten gro\u00dfen  Genozid des 20. Jahrhunderts noch bezeugen k\u00f6nnen: die T\u00f6tung der  Armenier im Osmanischen Reich vor 90 Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die jungt\u00fcrkische Bewegung aus westlich orientierten Milit\u00e4rs und  Beamten um Kriegsminister Enver Pascha sowie den Innenminister und  sp\u00e4teren Gro\u00dfwesir Talaat Pascha tr\u00e4umte von einer Gro\u00dft\u00fcrkei ohne  bedeutende ethnische Minderheiten. Und gnadenlos setzten die Jungt\u00fcrken  diesen Traum in die Wirklichkeit um.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die M\u00e4nner wurden gleich au\u00dferhalb der Stadt erschossen<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Am Abend des 24. April 1915 verhafteten Polizisten in  Konstantinopel, wie Istanbul damals hie\u00df, 235 armenische Politiker,  Journalisten, Bankiers, Intellektuelle &#8211; f\u00fcr die Armenier seither der  Tag des Gedenkens an den Beginn des V\u00f6lkermords. Die M\u00e4nner wurden in  rote Milit\u00e4rbusse gepr\u00fcgelt, am n\u00e4chsten Tag aus der Hauptstadt gefahren  und fast alle erschlagen. Offenkundig wollten Enver und Talaat zun\u00e4chst  die F\u00fchrung der Minderheit ausschalten.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/cdn3.spiegel.de\/images\/image-1002576-galleryV9-aekr-1002576.jpg\" alt=\"\" width=\"513\" height=\"257\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<div>\n<div>DER SPIEGEL<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Wohl knapp zwei Millionen der gregorianisch-orthodoxen Christen  lebten 1915 im Bosporus-Imperium. Die meisten arbeiteten als Bauern und  Handwerker in Anatolien, wo Armenier seit \u00fcber 3000 Jahren siedelten.  Einige hunderttausend waren auch im Laufe der Jahrhunderte in die  K\u00fcstenregionen abgewandert und trieben dort Handel. Doch am Ende des  Ersten Weltkriegs, drei Jahre sp\u00e4ter, gab es in den zentralen  Siedlungsgebieten keine Armenier mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was mit ihnen geschah, haben nicht nur \u00dcberlebende, sondern auch  Krankenschwestern, Techniker, Diplomaten oder deutsche Offiziere  bezeugt, die dem t\u00fcrkischen B\u00fcndnispartner als Milit\u00e4rberater dienten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W. Spieker etwa, der bei der Bagdad-Bahn besch\u00e4ftigt war,  berichtete am 27. Juli 1915 dem deutschen Konsul in Aleppo: &#8222;In Besniye  ist die ganze Bev\u00f6lkerung von circa 1800 Frauen und Kindern und nur  wenigen M\u00e4nnern ausgewiesen; sie sollten angeblich nach Urfa  abtransportiert werden. Am G\u00f6ksu &#8230; mussten sie sich auskleiden, wurden  s\u00e4mtlich niedergemacht und in den Fluss geworfen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schwester Alma Johansson vom Waisenhaus des &#8222;Deutschen H\u00fclfsbundes  f\u00fcr christliches Liebeswerk im Orient&#8220; notierte im Herbst 1915 \u00fcber die  Deportationen in Mus: &#8222;Wo alle aus unseren H\u00e4usern fort waren, bekamen  wir zwei Gendarmen zum Schutz, diese erz\u00e4hlten uns alle dieselben  haarstr\u00e4ubenden Geschichten. Die M\u00e4nner, die noch lebendig eingefangen  wurden, wurden gleich au\u00dferhalb der Stadt erschossen. Die Frauen wurden  mit den Kindern nach den n\u00e4chsten D\u00f6rfern gebracht, zu Hunderten in  H\u00e4user getan und verbrannt.&#8220; Der deutsche Konsul Wilhelm Litten schrieb  auf, was er am 31. Januar 1916 auf der Stra\u00dfe zwischen Deir al-Sor und  Tibni im heutigen Syrien sah:<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em> <strong>2 Uhr: <\/strong>5 frische Gr\u00e4ber. Rechts: ein bekleideter Mann. Geschlechtsteil entbl\u00f6\u00dft.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em> <strong>2.05 Uhr:<\/strong> Rechts: 1 Mann, Unterleib und blutendes Geschlechtsteil entbl\u00f6\u00dft.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em> <strong>2.07 Uhr:<\/strong> Rechts: 1 Mann in Verwesung.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em> <strong>2.08 Uhr:<\/strong> Rechts: 1 Mann, vollkommen bekleidet, auf dem R\u00fccken,  Mund weit aufgerissen, Kopf nach hinten gestemmt, schmerzentstelltes  Gesicht.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em> <strong>2.10 Uhr:<\/strong> 1 Mann, Unterk\u00f6rper bekleidet, Oberk\u00f6rper angefressen.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em> <strong>2.25 Uhr:<\/strong> Links am Wege: 1 Frau, auf dem R\u00fccken liegend,  Unterk\u00f6rper angefressen, nur die blutigen Schenkelknochen ragen noch aus  dem Tuch.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Es sind Szenen, wie sie heutzutage aus Bosnien oder Ruanda bekannt  sind: Fl\u00fcsse f\u00fchrten Tausende aufgedunsener K\u00f6rper mit sich; in  abgelegenen Schluchten verwesten Leichen in Massengr\u00e4bern, die Gebeine  s\u00e4umten auf Hunderten von Kilometern die Wegr\u00e4nder.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Schon Zeitgenossen empfanden das Vorgehen der F\u00fchrung in  Konstantinopel um den intelligenten und skrupellosen Talaat, der sich  vom Angestellten eines Telegrafenamts hochgearbeitet hatte, als Bruch  mit der Zivilisation. Der sp\u00e4tere britische Premierminister Winston  Churchill, 1915 Kriegsmarineminister, sprach von einem &#8222;sch\u00e4ndlichen  Massenmord&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das 20. Jahrhundert hatte mit gro\u00dfer Aufbruchstimmung begonnen. Die  Menschen glaubten an eine goldene Zukunft voller Fortschritt und  Wohlstand. Der Genozid an den Armeniern trug dazu bei, dass dieser  Optimismus verloren ging. Dem ebenfalls bei der Bagdad-Bahn angestellten  Ingenieur Linsmeyer kamen die Tr\u00e4nen, als er in Ras al-Ain  anderthalbtausend halbverhungerte Frauen und Kinder bei \u00fcber 40 Grad  schutzlos in der Sonne liegen sah: &#8222;Ich hielt es nicht f\u00fcr m\u00f6glich, dass  in unserem Jahrhundert so etwas passieren k\u00f6nne.&#8220;<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Deportation von Armeniern in Harput (1915)\" src=\"http:\/\/cdn2.spiegel.de\/images\/image-1002565-galleryV9-qtbn-1002565.jpg\" alt=\"Deportation von Armeniern in Harput (1915)\" width=\"534\" height=\"331\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #808080;\">Deportation von Armeniern in Harput (1915).\u00a0\u00a0\u00a0 DPA\/ AP<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Das gleiche &#8222;Nie wieder&#8220;, das sich die \u00dcberlebenden des  Konzentrationslagers Buchenwald 1945 schworen, war auch schon nach der  Armenierverfolgung zu vernehmen. Der polnische Jurist Raphael Lemkin  entwarf nach diesem V\u00f6lkermord ein Gesetz &#8222;gegen die Zerst\u00f6rung  nationaler, religi\u00f6ser und rassischer Gruppen&#8220;, doch die Anregung blieb  ohne Echo. Erst nach dem Holocaust fand Lemkin &#8211; von ihm stammt das  Kunstwort Genozid, zusammengesetzt aus dem griechischen &#8222;genos&#8220;  (&#8222;Geschlecht&#8220;) und dem lateinischen &#8222;caedere&#8220; (&#8222;t\u00f6ten&#8220;) &#8211; Geh\u00f6r. 1948  wurde aus seinem Entwurf die Uno-Konvention \u00fcber die Verh\u00fctung und  Bestrafung des V\u00f6lkermords abgeleitet, heute Grundlage etwa f\u00fcr die  Verfahren vor dem internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag  gegen Slobodan Milosevic und andere T\u00e4ter, die in Jugoslawien w\u00fcteten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wom\u00f6glich war der Mord an den Armeniern sogar das Schl\u00fcsselereignis  des durch V\u00f6lkermorde gepr\u00e4gten 20. Jahrhunderts. Denn die Zeitgenossen  registrierten genau, dass die meisten Verbrechen an den Armeniern nicht  geahndet wurden. Unter dem Druck der siegreichen Alliierten  verurteilten zwar t\u00fcrkische Gerichte 17 der Hauptverantwortlichen um  Talaat zum Tode, doch fast alle entzogen sich der Strafe durch Flucht.  Einige wurden sp\u00e4ter sogar Minister.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die jungt\u00fcrkische F\u00fchrung camouflierte den Genozid als kriegsbedingte Umsiedlung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Bewunderung der Nationalsozialisten f\u00fcr die Jungt\u00fcrken war  jedenfalls gro\u00df. NS-Chefideologe Alfred Rosenberg lobte sie 1926 als  treue Verb\u00fcndete und schm\u00e4hte die Opfer. Diese w\u00e4ren &#8211; wie auch die  Juden &#8211; den Mittelm\u00e4chten w\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs in den R\u00fccken  gefallen. Da seien &#8222;einige H\u00e4rten nicht zu umgehen&#8220; gewesen. 1939 soll  Hitler bei einer Ansprache vor den Spitzen der Wehrmacht m\u00f6gliche  Einw\u00e4nde gegen den Massenmord an polnischen Zivilisten mit dem Hinweis  &#8222;Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?&#8220; verworfen  haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die jungt\u00fcrkische F\u00fchrung camouflierte den Genozid als  kriegsbedingte Umsiedlung, bei der es nur wenige Tote gegeben habe, was  deutsche Diplomaten schon damals als &#8222;krasse L\u00fcgen&#8220; bezeichneten.  Armenische M\u00e4nner wurden meist vor Ort umgebracht, die \u00dcberlebenden  gemeinsam mit Frauen und Kindern zun\u00e4chst nach Aleppo und dann in die  syrische und mesopotamische W\u00fcste deportiert. Ungef\u00e4hr 200.000 Menschen  fielen dort Massenhinrichtungen zum Opfer. Weitere 400.000 verendeten  auf den Todesm\u00e4rschen oder in Lagern unter freiem Himmel.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach der milit\u00e4rischen Niederlage gab das t\u00fcrkische  Innenministerium die Zahl der Opfer mit 800.000 an. Die deutsche  Botschaft in Konstantinopel ging von knapp doppelt so vielen Toten aus,  und so sehen es die Armenier bis heute.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dabei hatte das Osmanische Reich jahrhundertelang religi\u00f6se  Minderheiten besser behandelt, als es die europ\u00e4ischen Imperien taten.  Gleiche Rechte erhielten Christen und Juden freilich nie. Dass diese  Gruppen dennoch vom wirtschaftlichen Aufschwung besonders profitierten  und teilweise ganze Wirtschaftszweige dominierten, machte sie zus\u00e4tzlich  unbeliebt. Schon bei Pogromen im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts  starben mindestens 200.000 Armenier.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die europ\u00e4ischen Rivalen der Hohen Pforte, insbesondere Russland,  wo vor dem Ersten Weltkrieg etwa eine Million Armenier lebte, nutzten  die Unterdr\u00fcckung der Christen, um das marode Osmanische Reich weiter zu  schw\u00e4chen. Bald galt die armenische Minderheit als f\u00fcnfte Kolonne  Moskaus.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Minister Enver (1913)\" src=\"http:\/\/cdn1.spiegel.de\/images\/image-1002578-galleryV9-hmxo-1002578.jpg\" alt=\"Minister Enver (1913)\" width=\"533\" height=\"424\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #808080;\">Minister Enver (1913).\u00a0 Getty Images\/ Hulton Archive<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine L\u00f6sung f\u00fcr die sogenannte armenische Frage schien sich erst  anzubahnen, als die Jungt\u00fcrken 1908 die Macht \u00fcbernahmen. Viele der  sp\u00e4teren Massenm\u00f6rder hatten zuvor &#8211; w\u00e4hrend des Sultanats &#8211; im  franz\u00f6sischen Exil gelebt. Die nach der Pariser Zeitschrift &#8222;La Jeune  Turquie&#8220; benannte Bewegung wollte das Osmanische Reich durch  Modernisierung nach westlichem Vorbild retten. Gegen\u00fcber Forderungen der  Armenier nach Selbstverwaltung zeigten sich die Jungt\u00fcrken zun\u00e4chst  aufgeschlossen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch zwischen 1908 und 1913 mussten die selbsternannten Reformer  fast den gesamten europ\u00e4ischen Teil des Reichs abtreten: Bulgarien,  Bosnien-Herzegowina und Kreta; die dort lebenden Muslime wurden  massenhaft vertrieben. Die durchaus begr\u00fcndete Angst, dass der Zar nun  auch noch die armenische Frage nutzte, um Anatolien abzuspalten, lie\u00df  Untergangsstimmung aufkommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jetzt entfaltete das andere Erbe seine Wirkung, das die Exilanten  aus Westeuropa mitgebracht hatten: der Traum vom ethnisch homogenen  Nationalstaat. Das Gef\u00fchl griff um sich, berichtete die jungt\u00fcrkische  Schriftstellerin Halide Edip Adivar sp\u00e4ter, &#8222;die T\u00fcrken m\u00fcssten andere  ausrotten, um ihrer eigenen Ausrottung zuvorzukommen&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>&#8222;Wir haben den Balkan verlassen und m\u00fcssen uns zum Osten ausdehnen&#8220;<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Jungt\u00fcrkische Ideologen propagierten zudem einen Staat aller  Turkv\u00f6lker zwischen Thrakien im Westen und China im Osten. Da st\u00f6rten  die Armenier, deren Siedlungsgebiete beiderseits der  osmanisch-russischen Grenze sich wie ein Riegel durch die muslimischen  Gebiete schoben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&#8222;Wir haben den Balkan verlassen und m\u00fcssen uns zum Osten  ausdehnen&#8220;, erkl\u00e4rte sp\u00e4ter der t\u00fcrkische General Mehmed Vehib gegen\u00fcber  Armeniern, &#8222;unsere Br\u00fcder sind in Daghestan, Turkestan und  Aserbaidschan. Ihr Armenier steht uns da im Weg. Ihr m\u00fcsst weichen und  uns den Raum geben.&#8220; Die Historiker streiten, ob es schon vor dem Ersten  Weltkrieg einen zentralen Beschluss gegeben hat, die Armenier  umzubringen. Anzeichen daf\u00fcr gibt es. So bezeichneten Jungt\u00fcrken intern  die Armenier als &#8222;Tumoren&#8220; oder &#8222;Seuchenherde&#8220;, die es zu beseitigen  gelte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch viele Unterlagen sind verschwunden. Die wichtigen  Entscheidungen wurden von wohl einem Dutzend M\u00e4nner im Zentralkomitee  der jungt\u00fcrkischen Partei getroffen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Manche Wissenschaftler meinen, dass zun\u00e4chst eine Vertreibung, wie  sie im Weltkrieg auch der Zar mit den Juden in seinem Reich  praktizierte, nicht aber ein Genozid geplant gewesen sei. Die T\u00fcrken  hatten im Laufe der Geschichte des Osmanischen Reichs immer wieder  ethnische Minderheiten aus strategisch wichtigen Gebieten ausgesiedelt.  Die ersten opferreichen Vertreibungen von Armeniern im Herbst 1914 und  die Entwaffnung armenischer Soldaten scheinen noch von solchen  Erw\u00e4gungen bestimmt gewesen zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Fr\u00fchjahr 1915 spitzte sich die milit\u00e4rische Lage jedoch zu. Im  Osten flohen die osmanischen Truppen vor der zaristischen Armee, am 19.  Februar 1915 begann dann der Angriff der Briten auf die Dardanellen; der  Fall Konstantinopels schien unmittelbar bevorzustehen. In der  Hauptstadt standen bereits Z\u00fcge f\u00fcr eine Flucht Talaats bereit.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Panik erwies sich als unbegr\u00fcndet; das Kriegsgl\u00fcck wendete sich  bald wieder. Aber die Hysterie gab Verschw\u00f6rungstheorien Auftrieb,  denen zufolge die Armenier mit dem Feind paktierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Obwohl nur eine kleine Minderheit der Armenier gegen die osmanische  Herrschaft aufbegehrte, Waffenlager anlegte und als Freiwillige auf  russischer Seite k\u00e4mpfte, steigerte sich der Hass der t\u00fcrkischen Elite  auf die Armenier &#8222;zu einer Obsession&#8220;, so die Wissenschaftler Hans-Lukas  Kieser und Dominik Schaller. Man m\u00fcsse &#8222;vor dem inneren Feind genauso  viel Angst haben wie vor dem \u00e4u\u00dferen&#8220;, erkl\u00e4rte Bahaeddin Sakir, einer  der Organisatoren des Genozids. Er lie\u00df die Opfer nun auch aus  strategisch unwichtigen Gebieten deportieren und umbringen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Durchf\u00fchrung des Massenmords \u00fcbernahm die sogenannte  Spezialorganisation, eine paramilit\u00e4rische Einheit aus etwa 30.000  Str\u00e4flingen, Kurden und T\u00fcrken, die aus den ehemals osmanischen Gebieten  in Europa vertrieben worden waren. Die M\u00e4nner unterstanden der Armee  und wurden von Offizieren oder Parteisekret\u00e4ren der Jungt\u00fcrken  angeleitet. Regul\u00e4re Armee-Einheiten und kurdische St\u00e4mme unterst\u00fctzten  die Paramilit\u00e4rs.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie weit der Genozid bis in die Einzelheiten von der  Regierungszentrale geplant war und wann er sich aus der jeweiligen  Situation vor Ort entwickelte, ist nicht mit letzter Sicherheit zu  kl\u00e4ren. Ein Transport mit einigen tausend Armeniern aus Erzurum wurde  zun\u00e4chst von 300 Soldaten ins 200 Kilometer entfernte Kemah gef\u00fchrt.  Dort pr\u00e4sentierte ein Offizier eine Liste mit 200 Namen; er lie\u00df die  Betreffenden abseits f\u00fchren und von Angeh\u00f6rigen der Spezialorganisation  umbringen. Alle anderen mussten den Weg fortsetzen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dann, 150 Kilometer weiter s\u00fcdlich, \u00fcbergaben die Milit\u00e4rs den Zug  einigen Kurdenf\u00fchrern. Sie brachten die Deportierten in die Berge und  massakrierten alle M\u00e4nner, die nicht kurdisch sprechen konnten. Der Rest  zog mit den Frauen weiter. Ein Gro\u00dfteil erlag schlie\u00dflich den  Strapazen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Viele T\u00fcrken und Kurden profitierten vom Genozid<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Anders als die Nazis, die j\u00fcdische Kinder ebenso ermordeten wie zum  Christentum \u00fcbergetretene Juden, lie\u00dfen T\u00fcrken und Kurden h\u00e4ufig die  verschleppten und sp\u00e4ter zwangsislamisierten Kinder und Frauen am Leben &#8211;  meist um sie auszubeuten. Gendarmen, welche die Deportationsm\u00e4rsche  begleiteten, verkauften junge Frauen an Kurden oder in t\u00fcrkische Harems.  Aus Kemah bezeugten Rot-Kreuz-Mitarbeiter, dass die Deportierten am  Ortseingang halten mussten und T\u00fcrken kamen, um sich Kinder zu holen. Es  sei der &#8222;reine Sklavenmarkt&#8220; gewesen, nur &#8222;dass nichts gezahlt wurde&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Immerhin \u00fcberlebten vor allem Kinder auf diese Weise den Genozid.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Innenminister Talaat (1918)\" src=\"http:\/\/cdn1.spiegel.de\/images\/image-1002558-galleryV9-sfat-1002558.jpg\" alt=\"Innenminister Talaat (1918)\" width=\"510\" height=\"371\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #808080;\">Innenminister Talaat (1918).\u00a0\u00a0\u00a0 Getty Images\/ Hulton Archive<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass die Jungt\u00fcrken nicht mit jener rassistischen Radikalit\u00e4t und  mit der Rationalit\u00e4t des modernen Industriestaates mordeten, die den  Holocaust zu einem einzigartigen Verbrechen macht, ist aufgekl\u00e4rten  t\u00fcrkischen Historikern wichtig. An der moralischen Bewertung \u00e4ndert es  freilich nichts, denn viele T\u00fcrken und Kurden profitierten vom Genozid &#8211;  \u00e4hnlich wie auch Deutsche vom Holocaust. Die Versteigerung  zur\u00fcckgelassener Kleidung, etwa gebrauchter Kinderschuhe, erinnert fatal  an Auktionen im ausgebombten Hamburg, auf denen Wohnungseinrichtungen  deportierter Juden ver\u00e4u\u00dfert wurden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Jungt\u00fcrken hatten festgelegt, dass die Armenier bewegliche Habe  mit sich f\u00fchren durften. Viele Christen versuchten daher, H\u00e4user oder  Mobiliar zu verkaufen, und ihre Nachbarn nutzten die Notlage zur gro\u00dfen  Schn\u00e4ppchenjagd. Die osmanische Zentralregierung, die \u00f6rtlichen Eliten  und das einfache Volk lieferten sich einen regelrechten Kampf um das  Eigentum der Armenier, so der Genozid-Experte Christian Gerlach.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf den Todesm\u00e4rschen ging der Raub dann weiter. Garbis Hagopjan  berichtet, dass sein Zug von der Bev\u00f6lkerung in den D\u00f6rfern, die sie  passierten, wie von Aasgeiern gepl\u00fcndert wurde. Vielfach verst\u00fcmmelten  die T\u00e4ter ihre Opfer, weil sie vermuteten, diese h\u00e4tten Gold oder  Schmuck verschluckt oder in K\u00f6rper\u00f6ffnungen versteckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00dcber den Wert des entwendeten armenischen Eigentums liegen nur  Sch\u00e4tzungen vor. Einer Angabe f\u00fcr die Versailler Friedenskonferenz  zufolge belief sich die Summe auf umgerechnet bis zu f\u00fcnf Milliarden  Euro.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Eine Kollektivschulddebatte ist den T\u00fcrken allerdings bis heute  erspart geblieben. Genozid-Experten wie der Bochumer Wissenschaftler  Mihran Dabag gehen jedoch davon aus, dass die Todesm\u00e4rsche &#8222;nur m\u00f6glich  waren angesichts einer hohen gesellschaftlichen Breite der ausf\u00fchrenden  und planenden T\u00e4ter&#8220;. F\u00fcr die Akzeptanz des Genozids unter der  t\u00fcrkischen Bev\u00f6lkerung sprechen auch die jetzt von dem ehemaligen  SPIEGEL-Redakteur Wolfgang Gust herausgegebenen deutschen T\u00fcrkei-Akten  aus dem Ersten Weltkrieg*.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Auch Massenvergewaltigungen waren Teil des gro\u00dfen Leidenszugs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr Ankara sind sie eine besonders unangenehme Quelle, denn niemand  kann es als armenische Propaganda abtun, wenn beispielsweise der  deutsche Vizekonsul in Mossul, Walter Holstein, beobachtete, dass  Gendarmeriepatrouillen in Diyarbakir und Mardin die Bev\u00f6lkerung  aufriefen, die Armenier umzubringen. An der ganzen Strecke s\u00fcdlich  Nusaibins, f\u00e4hrt Holstein fort, habe er &#8222;alle Muhamedaner mit krummen  Schwertern herumlaufen sehen. &#8220;Ermen&#8220; (&#8220;Armenier&#8220;) war ihr einziger  Gedanke&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weiter westlich wurde der Bagdad-Bahn-Beamte Spieker &#8211; ebenfalls  ein zuverl\u00e4ssiger Beobachter &#8211; Zeuge, wie &#8222;t\u00e4glich Armenier von der  Civilbev\u00f6lkerung umgebracht wurden, deren Leichname tagelang in  Abzugsgr\u00e4ben &#8230; liegen blieben&#8220;.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch Massenvergewaltigungen waren Teil des gro\u00dfen Leidenszugs. Ein  von deutschen Beamten als glaubw\u00fcrdig eingesch\u00e4tzter Armenier gab an,  dass unter den Frauen der in Aleppo eintreffenden Kolonnen etwa jede  vierte &#8222;von den sie begleitenden Gendarmen, von Kurden und T\u00fcrken, tags  oder nachts mit Gewalt beiseite gezogen und vergewaltigt worden&#8220; sei.  Von einigen Deportationsz\u00fcgen ist bekannt, dass in so gut wie jedem  Dorf, das die Armenier passierten, Einwohner die Frauen sch\u00e4ndeten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mitleid und Zivilcourage von Kurden, T\u00fcrken und Arabern sind  freilich ebenfalls zahlreich belegt. Viele \u00dcberlebende berichteten  sp\u00e4ter, dass Familien sie versteckten, obwohl es ungleich gef\u00e4hrlicher  f\u00fcr Muslime war, sich dem Genozid an den Christen zu widersetzen, als  f\u00fcr die Deutschen im &#8222;Dritten Reich&#8220;, einem Juden beizustehen. Wer half,  riskierte den Verlust des Hauses oder sein Leben. Talaat lie\u00df sogar  Gouverneure oder Landr\u00e4te umbringen, wenn sie Deportationsbefehle nicht  befolgten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Von ihren Kindern mussten sich die \u00dcberlebenden sp\u00e4ter fragen  lassen, warum sie sich nicht gewehrt haben. Schlie\u00dflich begleitete  zumeist nur eine Hand voll Gendarmen die Elendstrecks. Der Widerstand  einiger armenischer D\u00f6rfer, den der deutsche Schriftsteller Franz Werfel  in seinem Roman &#8222;Die vierzig Tage des Musa Dagh&#8220; beschrieb, war  jedenfalls die Ausnahme.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hagopjan erinnert sich, dass die Menschen in seinem Zug &#8222;wie  L\u00e4mmer&#8220; gewesen seien &#8211; auf dem Weg zur Schlachtbank. Aber wohin h\u00e4tten  die Familien mit Kindern, Alten, Kranken fliehen sollen, die unbewaffnet  und geschw\u00e4cht durch W\u00fcsten und Bergz\u00fcge stolperten, die sie nicht  kannten?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ab Fr\u00fchsommer 1915 gab es nur noch eine Macht, welche den Genozid wohl h\u00e4tte verhindern k\u00f6nnen: das Deutsche Reich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der wichtigste B\u00fcndnispartner des Osmanischen Imperiums hatte 1882  damit begonnen, Milit\u00e4rhilfe zu leisten und die Armee zu modernisieren.  Fast 800 Offiziere und mehrere tausend Soldaten dienten w\u00e4hrend des  Ersten Weltkriegs in der t\u00fcrkischen Armee. &#8222;Was sie (die T\u00fcrken)  leisten, ist unser Werk, (sind) unsere Offiziere, unsere Gesch\u00fctze,  unser Geld&#8220;, urteilte der Berliner Botschafter in Konstantinopel, Paul  Graf Wolff Metternich, &#8222;ohne unsere Hilfe f\u00e4llt der gebl\u00e4hte Frosch in  sich selbst zusammen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Diplomat dr\u00e4ngte denn auch die kaiserliche Regierung in Berlin,  dem Morden ein Ende zu setzen. Doch Wilhelm II. wollte keinen \u00c4rger mit  dem Verb\u00fcndeten. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg schrieb  auf Wolff Metternichs Eingabe: &#8222;Unser einziges Ziel ist, die T\u00fcrkei bis  zum Ende des Kriegs an unserer Seite zu halten, gleichg\u00fcltig, ob dar\u00fcber  Armenier zugrunde gehen oder nicht.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Vorgehen sei &#8222;hart, aber n\u00fctzlich&#8220;, urteilte der deutsche Marineattach\u00e9<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die t\u00fcrkischen T\u00e4ter haben w\u00e4hrend des Kriegs und danach versucht,  den Deutschen die Hauptverantwortung zuzuschieben. Jungt\u00fcrken  verbreiteten, dass die Deutschen &#8222;die Massakres w\u00fcnschten&#8220;, beobachteten  Wolff Metternich und andere Diplomaten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einzelne Offiziere haben in der Tat der Deportation von Armeniern  aus dem Kriegsgebiet zugestimmt, einige Milit\u00e4rs begr\u00fc\u00dften sogar den  Genozid. Das Vorgehen sei &#8222;hart, aber n\u00fctzlich&#8220;, urteilte Hans Humann,  der deutsche Marineattach\u00e9 in Konstantinopel und ein Freund Envers.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Am schwersten wiegt, dass sich Offiziere &#8211; als Teil der osmanischen  Streitkr\u00e4fte &#8211; am Morden beteiligten. Oberstleutnant B\u00f6ttrich etwa  zeichnete als Chef der Eisenbahnabteilung im osmanischen  Generalhauptquartier mindestens einen Deportationsbefehl ab. Major  Eberhard Graf Wolffskeel von Reichenberg kart\u00e4tschte mit von Deutschland  gelieferten Feldhaubitzen das Armenierviertel von Urfa zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch bislang liegt kein glaubw\u00fcrdiger Beleg vor, dass die F\u00fchrung  des Deutschen Reichs die Jungt\u00fcrken dr\u00e4ngte, in einer 2500 Kilometer  entfernten Region eine christliche Minderheit umzubringen. Und  antiarmenische \u00c4u\u00dferungen und Ausdr\u00fccke des Mitgef\u00fchls in den internen  deutschen Papieren halten sich nach Ansicht von Experten ungef\u00e4hr die  Waage.<\/p>\n<div style=\"text-align: left;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"V\u00f6lkermord-Denkmal in Eriwan (2003)\" src=\"http:\/\/cdn2.spiegel.de\/images\/image-1002545-galleryV9-mgsi-1002545.jpg\" alt=\"V\u00f6lkermord-Denkmal in Eriwan (2003)\" width=\"486\" height=\"284\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<div>\n<div style=\"text-align: center;\"><span style=\"color: #808080;\">V\u00f6lkermord-Denkmal in Eriwan (2003).\u00a0\u00a0\u00a0 DPA<\/span><\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach Kriegsende halfen Berliner Beh\u00f6rden allerdings zahlreichen  Jungt\u00fcrken bei der Flucht vor den siegreichen Alliierten. Innenminister  Talaat &#8211; &#8222;die Seele der Armenierverfolgungen&#8220; (Botschafter Wolff  Metternich) &#8211; versteckte sich mitten in der Reichshauptstadt. Der  t\u00fcrkischen Schriftstellerin Edip Adivar vertraute er an, er sei &#8222;bereit  zu sterben f\u00fcr das, was ich getan habe, und ich wei\u00df, dass ich daf\u00fcr  sterben werde&#8220;. 1921 erschoss ihn ein junger Armenier auf der  Hardenbergstra\u00dfe.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dem Attent\u00e4ter wurde der Prozess gemacht, zur allgemeinen \u00dcberraschung sprach das Berliner Gericht den Angeklagten frei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Verhandlungssaal sa\u00df damals ein Jurastudent j\u00fcdischer Herkunft  namens Robert Kempner und verfolgte aufmerksam das Geschehen. Kempner  schrieb sp\u00e4ter, in dem Verfahren sei zum ersten Mal der Grundsatz zur  Anwendung gekommen, dass &#8222;V\u00f6lkermord durchaus von fremden Staaten  bek\u00e4mpft werden k\u00f6nne und keine unzul\u00e4ssige Einmischung in die inneren  Angelegenheiten&#8220; sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als die Nazis an die Macht kamen, musste Kempner in die USA  emigrieren. 1945 kehrte er zur\u00fcck &#8211; als stellvertretender Chefankl\u00e4ger  der Amerikaner beim N\u00fcrnberger Kriegsverbrecherprozess.<\/p>\n<hr noshade=\"noshade\" \/>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Lesetipp<br \/>\n<\/strong>Das wohl beste literarische Buch zum V\u00f6lkermord an den Armeniern stammt von Franz Werfel:<\/p>\n<div>\n<div style=\"text-align: left;\">Anzeige<\/div>\n<ul style=\"text-align: left;\">\n<li>\n<div><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/cdn3.spiegel.de\/images\/image-1002632-hpcpleftcolumn-mvgk-1002632.jpg\" alt=\"\" width=\"120\" height=\"183\" \/><\/div>\n<p>Franz Werfel:<br \/>\n<strong>Die vierzig Tage des Musa Dagh<\/strong>Anaconda Verlag;<br \/>\n992 Seiten; 9,95 Euro.<\/li>\n<li><a title=\" Bei Amazon bestellen. \" href=\"http:\/\/www.amazon.de\/dp\/3730603434\/ref=nosim?tag=wwwspiegelde-21\" target=\"_blank\">Bei Amazon bestellen.<\/a><\/li>\n<li><a title=\" Bei Thalia bestellen. \" href=\"http:\/\/ad.zanox.com\/ppc\/?36426982C1924267808T&amp;ULP=[[3730603434\/?ProvID=10911402]]\" target=\"_blank\">Bei Thalia bestellen.<\/a><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Quelle: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/politik\/ausland\/voelkermord-an-den-armeniern-geschichte-des-grauens-a-1095444.html\" target=\"_blank\">www.spiegel.de\/politik\/ausland\/voelkermord-an-den-armeniern<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armenische Opfer eines Massakers (1915).\u00a0\u00a0 Getty Images\/ Bettmann Archive Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. 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