{"id":30393,"date":"2019-08-12T11:10:07","date_gmt":"2019-08-12T09:10:07","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=30393"},"modified":"2019-08-12T11:12:18","modified_gmt":"2019-08-12T09:12:18","slug":"katerina-poladjan-%e2%80%9ehier-sind-lowen%e2%80%9c-%e2%80%93-die-sprache-aus-der-mikrowelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=30393","title":{"rendered":"Katerina Poladjan: \u201eHier sind L\u00f6wen\u201c \u2013 Die Sprache aus der Mikrowelle"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.fr.de\/bilder\/2019\/08\/09\/12902145\/1671738503-feu_poladjann_100819_4c-UoRfap7Kra7.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Katerina Poladjan, 1971 in Moskau geboren, bietet zwei Wege in die Vergangenheit an. \u00a9 Andreas Labes<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #206141;\"><strong>Armenische Geschichte<\/strong><\/span><\/p>\n<div><span style=\"color: #206141;\"><strong>vonCornelia Gei\u00dfler<\/strong><\/span><\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Schriftstellerin  Katerina Poladjan erkundet in ihrem neuen Roman \u201eHier sind L\u00f6wen\u201c  vielf\u00e4ltig und lebendig armenische Geschichte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die  Buchrestauratorin ist zum ersten Mal in Jerewan, sie kommt aus  Deutschland. Mit den Leuten spricht sie Englisch und vor allem Russisch,  die Sprache ihrer in Russland geborenen Mutter. Doch gleich nach der  Ankunft schon, als sich der Fahrer bei ihr vorgestellt hatte (Petrosian)  und ihr eine Stra\u00dfe nannte (Abovyan), stellt sie fest: \u201eMein Nachname  war pl\u00f6tzlich in phonetischer Gesellschaft.\u201c<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Helen Mazavian hei\u00dft sie, die auch  als Erz\u00e4hlerin im Buch fungiert. Eigentlich ist sie hier, um ihre  Fertigkeiten zu verbessern, andere Techniken im Umgang mit alten  Handschriften zu lernen. Die Frage nach ihren Wurzeln wehrt sie zun\u00e4chst  ab \u201eIch bin kein Baum\u201c, und doch wird ihr Aufenthalt in Armenien sie in  ihre Familiengeschichte f\u00fchren.<\/p>\n<figure style=\"width: 1024px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.fr.de\/bilder\/2019\/08\/09\/12902145\/521911884-feu_cover_poladjan_09081_4c-3Ea7.jpg\" alt=\"\" width=\"1024\" height=\"576\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Katerina Poladjan: \u201eHier sind L\u00f6wen\u201c. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2019. 286 S., 22 Euro. \u00a9 S. Fischer<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Katerina  Poladjan erz\u00e4hlt von dieser Spurensuche allerdings auf andere Weise,  als man es nach vielen (guten, interessanten) B\u00fcchern zu diesem Komplex  erwarten k\u00f6nnte. Die Frage der \u201eHerkunft\u201c bezeichnet ja nicht nur einen  Roman von Sa\u0161a Stani\u0161ic, sie ist das Thema unserer Zeit, behandelt etwa  von Jagoda Marinic (Kroatien) und Katja Petrowskaja (Russland, Ukraine),  Abbas Khider (Irak) und Maxim Biller (Tschechien). Sie ergr\u00fcnden  schreibend, was ihre Eltern oder Gro\u00dfeltern oder auch sie selbst von  einem Zuhause zu einem anderen trieb \u2013 oft lange vor den  Fluchtbewegungen der Gegenwart. Es ist das Andere, das zu einer  genaueren Wahrnehmung reizt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der  Roman \u201eHier gibt es L\u00f6wen\u201c steigt auf zwei Wegen in die Vergangenheit.  Da ist der direkte, sozusagen dokumentarische, wenn Helen die Menschen  zu einem Foto sucht, das ihre Mutter ihr mitgegeben hat. K\u00f6nnte es noch  jemanden geben, der ihren Gro\u00dfvater gekannt hat? Sie recherchiert  zaghaft und hinterfragt ihre Suche zugleich: Was bringt es ihr, weit  entfernten Verwandten zu begegnen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der  andere Weg f\u00fchrt sie \u00fcber die Arbeit in die Geschichte des armenischen  Volkes. Als Restauratorin betrachtet Helen eingehend die Gebrauchs- und  Zeitspuren der Bibel, die sie \u00fcber Wochen und Monate t\u00e4glich zur Hand  nimmt. Mal sind es die Buchstaben, die sie genauer ansieht, mal Bilder,  hinzugekritzelte Worte, herausgerissene St\u00fcckchen. Sie benutzt  Knoblauchsaft als Leim, mischt \u201efrisches Eiwei\u00df mit schwarzem Pigment  aus veraschten Ameiseneiern\u201c. Dabei werden momentweise die Buchstaben  und Bilder unter ihren H\u00e4nden lebendig. Sie bessert \u201emit einem  Marderhaarpinsel den Brei aus Speichel und Lehm aus, den Jesus dem  Blindgeborenen auf die Augen legte\u201c. Dann sieht sie: \u201eJesus spuckte auf  den Boden, weichte mit seinem Speichel Lehm auf, rieb dem Mann den Brei  auf die Augen und schickte ihn dann zum Teich von Siloah, damit er sich  reinigte.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nach und nach entsteht  parallel zur Romanhandlung im Jerewan der Gegenwart eine andere  Erz\u00e4hlung. Sie beginnt wie ein M\u00e4rchen mit Tieren und Fabelwesen, wo  auch der L\u00f6we seinen Platz hat, sie entwickelt sich zu einer Geschichte  \u00fcber ein M\u00e4dchen und dessen kleinen Bruder, die vor den t\u00fcrkischen  H\u00e4schern fliehen. Es sind die Besitzer des Buches, die unter Helens  H\u00e4nden auf wundersame Weise wieder zu leben beginnen \u2013 auch wenn das nie  ausdr\u00fccklich gesagt wird. Es sind Bilder, die dem Leser aus dem  Hauptstrang bekannt vorkommen, unter die Lupe genommen, mit Pinsel und  Messerchen behandelt im Archivraum.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Helen  wird heimisch in der fremden Stadt. Sie trifft sich immer wieder mit  einem Mann, dem sie sich bald so nahe f\u00fchlt, dass es ihr unheimlich  wird. Sie will doch nur Gast sein, keine Wurzeln schlagen. Dass sie  selbst Leute nach Herkunft sortiert, merkt sie erst bei einem Konflikt  mit ihrer aus Syrien gekommenen Freundin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In  einem Anfall von Neugier beginnt sie, Armenisch zu lernen, indem sie  die Gebrauchsanweisung f\u00fcr die Mikrowelle abschreibt und die Worte mit  der englischen und russischen \u00dcbersetzung vergleicht. Als Helen sich  aufmacht in die Gegend, wo ihre Familie herstammen k\u00f6nnte, fragt sie die  Leute, ob es noch alte Bibeln gibt. So wird das Verbrechen an den  Armeniern fast greifbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und es  ist eine geradezu begl\u00fcckende Linie, die sie innerhalb der Literatur  zieht, wenn Poladjan ihre Heldin im t\u00fcrkischen Kars genau in dem Hotel  \u00fcbernachten l\u00e4sst, wo Orhan Pamuk seinen Roman \u201eSchnee\u201c schrieb \u2013 auch  ein Werk \u00fcber die Unterdr\u00fcckung einer Kultur.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eHier  sind L\u00f6wen\u201c nimmt mit auf eine Reise und weckt Empfindungen, weil  Poladjan sensibel erz\u00e4hlt. Sie sch\u00e4rft auf subtile Weise das Bewusstsein  f\u00fcr Verbrechen. Das Buch gibt seinen Zauber nach und nach frei. Es ist  ein Schatzk\u00e4stlein, das mehr enth\u00e4lt, als man sehen kann.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><a href=\"https:\/\/www.fr.de\/kultur\/literatur\/katerina-poladjan-hier-sind-loewen-sprache-mikrowelle-12902145.html\" target=\"_blank\">https:\/\/www.fr.de\/kultur\/literatur\/katerina-poladjan-hier-sind-loewen-sprache-mikrowelle-12902145.html<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&nbsp; Armenische Geschichte vonCornelia Gei\u00dfler Schriftstellerin Katerina Poladjan erkundet in ihrem neuen Roman \u201eHier sind L\u00f6wen\u201c vielf\u00e4ltig und lebendig armenische Geschichte. Die Buchrestauratorin ist zum ersten Mal in Jerewan, sie&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-30393","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30393","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=30393"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30393\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":30396,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/30393\/revisions\/30396"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=30393"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=30393"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=30393"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}