{"id":31405,"date":"2020-06-25T00:04:49","date_gmt":"2020-06-24T22:04:49","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=31405"},"modified":"2020-06-25T00:04:49","modified_gmt":"2020-06-24T22:04:49","slug":"dieses-deutschland-gehort-mir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=31405","title":{"rendered":"Dieses Deutschland geh\u00f6rt mir"},"content":{"rendered":"<figure style=\"width: 512px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/taz.de\/picture\/4215113\/948\/25390214-1.jpeg\" alt=\"\" width=\"512\" height=\"256\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Foto: Bernd Hartung<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: center;\">Essay zu Integration und Zuwanderung<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Dieses Deutschland geh\u00f6rt mir<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">Die  Deutschiranerin Yasaman Soltani h\u00f6rte oft, sie solle dahin zur\u00fcckgehen,  wo sie herkomme. Sie ging wirklich, kehrte zur\u00fcck \u2013 und hat viel  gelernt.<\/p>\n<div><a rel=\"auhtor\" href=\"https:\/\/taz.de\/Yasaman-Soltani\/!a58627\" target=\"_blank\"><\/p>\n<h4 style=\"text-align: left;\">Ein Artikel von\u00a0 Yasaman Soltani | 21.6.2020<\/h4>\n<p><\/a>&#8222;Frau Soltani, wenn es Ihnen hier nicht gef\u00e4llt, dann gehen Sie doch wieder dorthin zur\u00fcck, wo Sie hergekommen sind.\u201c<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">Als ich vor <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2012-04\/-leserartikel-integration-deutsch-sprechen\" target=\"_blank\">acht Jahren einen Leserartikel f\u00fcr <em>Zeit Online<\/em><\/a> schrieb und darin ausf\u00fchrte, dass die Integration von Ausl\u00e4ndern nicht  nur durch diese zu erreichen sei, sondern auch eine Beteiligung der  deutschen Bev\u00f6lkerung erfordere, las ich zahllose Kommentare, die mir  ein verbales R\u00fcckflugticket ausstellten. Damals, 2012, war das Wort <a href=\"https:\/\/taz.de\/Hate-Speech-im-Internet\/!5628313\/\" target=\"_blank\">\u201eHasskommentar\u201c<\/a> noch neu, und ich kannte den Umgang damit nicht.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich  las einen nach dem anderen und wurde trauriger und trauriger, bis ich  endlich verstand, dass es sich nicht um konstruktive Kritik an meinem  Artikel handelte. Meine S\u00e4tze hatten etwas anger\u00fchrt. 50.000 Aufrufe.  522 Kommentare. \u00dcber Tage meistgelesener Artikel. Ich versuchte, die  Kontrolle \u00fcber die Reaktionen zu gewinnen, erstellte eine Liste, in die  ich alle positiven und negativen Kommentare eintrug. Doch ihre Worte  schwirrten mir im Kopf umher und taten weh. Die Negativen hatten einfach  mehr Gewicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kommentar Nummer 66 lautete: \u201eWer  die angebotene Wurst nicht will, verl\u00e4sst bitte den Laden und l\u00e4sst  sich woanders bedienen.\u201c Aber in welchen anderen Laden sollte ich denn  gehen? War dieses Land nicht mein Laden? \u201eWarum hassen sie uns?\u201c, hatten  Asylbewerber in Hoyerswerda damals auf ein Laken geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heute frage ich mich das nicht  mehr. Das \u201eWarum\u201c interessiert mich schlicht nicht mehr. Fr\u00fcher, als  Jugendliche, habe ich diskutiert, mich gewehrt. An Wahlst\u00e4nden der CDU  stemmten wir uns gegen Gegner der doppelten Staatsb\u00fcrgerschaft. Wir  wollten unsere Herkunft nicht aufgeben, und wir wollten Deutsche sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bei meinem Sch\u00fclerpraktikum in  einer Werbeagentur regte man sich beim Mittagessen gern \u00fcber die  \u201eAusl\u00e4nder\u201c auf, und ich, in meiner frischen Bereitschaft, mich  aufzulehnen, hielt dagegen. \u201eAuch ich bin Ausl\u00e4nderin\u201c, verk\u00fcndete ich.  \u201eNein, du bist anders. Du bist total gut integriert.\u201c Total gut  integriert? Wer waren sie, dass sie mir in meinem vermeintlich eigenen  Land, diese Auszeichnung gaben? Durfte ich es andersherum genauso?  Durfte ich zu ihnen auch \u201eDu sprichst aber gut Deutsch\u201c sagen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kommentar Nummer 22: \u201eLiebe  Zuwanderer, nutzt das Angebot, anstatt zu meckern. Auf dem silbernen  Ta\u00adblett werdet ihr die Integration n\u00e4mlich kaum hinterhergetragen  bekommen. Mein Nachbar aus Jugoslavien <em>(sic)<\/em> ist bestens integriert. Und jugo\u00adslavisch <em>(sic)<\/em> spricht er nicht mehr \u2013 er hat sein Geburtsland hinter sich gelassen.  Er hat keine doppelte Staatsangeh\u00f6rigkeit! Er hat sich eben ganz und gar  integriert und ist von einem Einheimischen nicht mehr zu  unterscheiden.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Einmal abgesehen davon, dass es  2012 das Land Jugoslawien gar nicht mehr gab und es die Sprache  Jugoslawisch nie gegeben hat, fragte ich mich, ob der Leser recht hatte.  War das das Rezept, um hier akzeptiert zu werden? Seine Muttersprache  nicht mehr sprechen? Sein Vaterland hinter sich lassen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Vaterland ist der Iran. Dort  bin ich 1983 geboren. Wir verlie\u00dfen meine Heimat, als ich sechs Jahre  alt war. Meine Eltern waren damals Anfang drei\u00dfig, mein Bruder war  gerade mal drei. Es war keine gute Zeit, um im Iran zu leben. Der  Iran-Irak-Krieg war seit einem Jahr zu Ende, das Land war farblos und  karg. Aber 1989 war auch keine gute Zeit, um in Deutschland anzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hoyerswerda, 1991.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Rostock-Lichtenhagen, 1992.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Solingen, 1993.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als ich erwachsen war, erz\u00e4hlte  mir mein Vater, dass er nach unserer Ankunft aus Deutschland fliehen  wollte. Dabei waren wir doch gerade erst geflohen. Wir waren  Fl\u00fcchtlinge. Und er erz\u00e4hlte mir auch, dass er sich damals einen  Vollbart wachsen lie\u00df. Ein Gemisch aus Wut und Trotz. Vielleicht auch  Stolz. Er wollte sich als Ausl\u00e4nder nicht verstecken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wir lebten in Frankfurt am Main.  Ich erinnere mich an wenig aus dieser Zeit. Ich a\u00df hier meine erste  Banane, das wei\u00df ich noch. Und ich erinnere mich an einen Schultag, an  dem meine Mutter mich zu sp\u00e4t abholte. Ich sa\u00df weinend im B\u00fcro der  Schulleiterin, die mir Fragen auf Deutsch stellte, die ich zwar  verstand, doch nicht auf Deutsch beantworten konnte. Vielleicht war es  auch mein Schluchzen, das mich vom Antworten abhielt. Ich wei\u00df es nicht  mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich wei\u00df nur, dass ich nickte und  den Kopf sch\u00fcttelte, um ihre Fragen zu beantworten. Nur sieht das  persische Nicken und Kopfsch\u00fctteln anders aus als das Deutsche. Im Iran  hebt man sein Kinn, um zu sagen: \u201eNein.\u201c Die umgekehrte Bewegung, also,  das Kinn zu senken, bedeutet \u201eJa.\u201c Und so hielt die Schulleiterin sowohl  mein Ja als auch mein Nein f\u00fcr ein amputiertes Ja.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich erinnere mich auch daran,  dass wir f\u00fcr unseren Asylantrag Stuhlproben abgeben mussten. Auch wir  Kinder mussten uns im Bad auf den Boden hocken und auf ein St\u00fcck Papier  kacken, damit wir es eint\u00fcten und verschicken konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich erinnere mich, dass ich nicht  konnte und wie meine Mutter, die die Angst vor den deutschen Beh\u00f6rden  noch nicht verinnerlicht hatte, kurzerhand das Produkt meines Bruders  halbierte und eine der H\u00e4lften in meinem Namen abschickte. Mit sechs  Jahren wusste ich nicht, was Erniedrigung bedeutet, doch diese Szene ist  mir in meinem erwachsenen Gehirn als erniedrigend in Erinnerung  geblieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eDie Antr\u00e4ge auf Anerkennung als  Asylberechtigte werden abgelehnt\u201c, hie\u00df es einige Monate sp\u00e4ter in einem  Schreiben vom Bundesamt f\u00fcr die Anerkennung ausl\u00e4ndischer Fl\u00fcchtlinge \u2013  wie die Beh\u00f6rde damals noch hie\u00df \u2013, das an mich und meinen Bruder  gerichtet war. Er war drei und ich sechs Jahre alt. Hatten wir umsonst  gekackt?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unser Anwalt ging in Berufung, und  unser Leben in Deutschland nahm seinen Anfang. Wir lernten Deutsch,  mein Bruder und ich sprachen nach einem Jahr kein Persisch mehr zu  Hause, unsere Mutter nannten wir \u201eMutti\u201c. Meine Eltern fingen an zu  arbeiten, und ich erinnere mich an manche Geschichten, die sie von der  Arbeit erz\u00e4hlten, davon, wie ihre Kollegen ihnen begegneten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass viele freundlich waren, ist  meiner Meinung nach nicht erw\u00e4hnenswert, das sollte selbstverst\u00e4ndlich  sein, meine Eltern waren es ja auch. Neben der Freundlichkeit war da  noch etwas anderes. Ein Gef\u00fchl, das ihnen als Ausl\u00e4nder vermittelte,  dass sie im Vergleich zu ihren deutschen Kollegen immer ein bisschen  d\u00fcmmer waren, weil ihr Deutsch nicht muttersprachlich war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich erinnere mich an eine w\u00fctende  Hilflosigkeit und daran, wie ich mir vorstellte, meine Mutter auf der  Arbeit zu besuchen und ihre Kollegen in einwandfreiem Deutsch  zurechtzuweisen. Ich tat es nie. Die Wut blieb.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: left;\">W\u00fctend auf Merkel und Mustafa<\/h6>\n<p style=\"text-align: left;\">Mein Bruder und ich gingen zur  Schule, aufs Gymnasium, es folgten Studium, Promotion, Approbation,  Postdoc. Zusammen legten wir einen beispiellosen Lebenslauf hin, in den  sich Erfahrungen streuten, die uns immer wieder daran erinnerten, dass  wir nicht \u201ewirklich\u201c von hier kamen. Die Polizei hielt Jugendliche, die  nicht deutsch aussahen, unz\u00e4hlige Male auf der Stra\u00dfe an.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u00c4ltere deutsche Frauen setzten  sich in der U-Bahn weg, wenn neben ihnen jemand mit dunklerer Haut,  dunkleren Haaren oder dunklem Bart Platz nahm. Eltern sch\u00e4mten sich,  dass die Tochter einen ausl\u00e4ndischen Freund mit nach Hause brachte,  Professoren vergaben f\u00fcnf Promotionsstellen an f\u00fcnf deutsche, also hier  geborene Studenten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">An den Migranten gerichtet, hie\u00df  es: \u201eSie k\u00f6nnen doch so gut Englisch, da ist England genau das  Richtige.\u201c Als ich mich f\u00fcr ein Promotionsstipendium bewerben wollte,  sagte mein Professor: \u201eStipendium? Daf\u00fcr reichen deine Noten doch  nicht.\u201c Ich hatte einen Einserschnitt im Diplom. Und als ich es trotzdem  tat und es erhielt, sagte eine Freundin: \u201eJa, die Stiftung braucht  endlich mal ein Paar Migranten. Sieht sonst echt nicht gut aus.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dann wurde ich Psychotherapeutin.  Die teure Ausbildung, die unbezahlte Arbeit in der Psychiatrie  finanzierte ich selbst. Es gab sonst kaum Migranten, die sich diesen  teuren Job leisten konnten. F\u00fcr uns hatten die Gro\u00dfeltern nicht gespart,  die waren gar nicht hier.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zu dieser Zeit, 2015, \u201ebrach\u201c die  \u201eFl\u00fcchtlingswelle\u201c \u00fcber Deutschland herein. Und ich behandelte als  Erste in unserer Klinik einen gefl\u00fcchteten Patienten. \u201eBeantragen Sie da  erst mal weniger Stunden. Wir wissen ja nicht, ob der die Therapie nur  f\u00fcr seinen Asylantrag will\u201c, schlug ein Kollege damals vor. Ich h\u00f6rte  nicht auf ihn und beantragte so viele Stunden, wie er brauchte, damit es  ihm wieder gut ging.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Langsam ver\u00e4nderte sich das  Stadtbild. In Frankfurt sprachen pl\u00f6tzlich viele Menschen meine Sprache  auf den Stra\u00dfen. Mir gefiel das. Doch viele B\u00fcrger waren w\u00fctend. W\u00fctend  auf Merkel, auf Mohammed, auf Mustafa. Waren sie auch w\u00fctend auf mich?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eDu bist ja nicht wie die anderen  Ausl\u00e4nder. Die Iraner sind so flei\u00dfig und an Bildung interessiert\u201c,  sagte die Mutter einer Freundin. Wir waren die \u201eguten Migranten\u201c. Ich  war also nicht wie die anderen Ausl\u00e4nder. Aber auch nicht wie die  Deutschen. Wer war ich dann? Deutsche, Frau mit Migrationshintergrund,  Migrantin, Ausl\u00e4nderin, Fl\u00fcchtling, Kanakin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein ordentliches Kastensystem.  \u201eMigra\u00adtions\u00adhintergrund\u201c klingt f\u00fcr mich wie \u201eBehindertenausweis\u201c mit  unklarer Prozentzahl. Bis 1949 wird per Definition zur\u00fcckverfolgt, ob  die eigenen Eltern zugewandert sind oder nicht. Das will man hier  n\u00e4mlich genau wissen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eAber Yasa, wir brauchen doch  auch Putzfrauen in dieser Gesellschaft\u201c, antwortete ein Kollege mir, als  ich mich f\u00fcr die Schulbildung einer jungen syrischen Klientin  einsetzte, und ich verstand, dass die Kanakenkaste notwendig war. Ich  hatte dem syrischen M\u00e4dchen gesagt, was mir meine Eltern damals gesagt  hatten: \u201eDu musst dich so lange bilden, bis du ganz oben in der  Gesellschaft einsteigst. Von unten aufsteigen wird dir als Ausl\u00e4nderin  schwer gelingen.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und ich hatte mich gebildet. Immer  flei\u00dfig gelernt, f\u00fcr mich, f\u00fcr meine Eltern, immer mit einer 1  vorneweg. Mehr Bildung ging kaum. Ich hatte auf meine Eltern geh\u00f6rt und  war oben eingestiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und dann sa\u00df ich eines Morgens  als Leiterin meiner Abteilung in einer Sitzung, und eine Kollegin fragte  in die Runde: \u201eWer kann das Manuskript Korrektur lesen? Am besten macht  das ein \u201anative speaker\u2018.\u201c In unserer Runde gab es zwei Deutsche, die  sich meldeten. Auch ich hob meine Hand. \u201eFrau Soltani, aber Sie sind  doch keine \u201anative speakerin\u2018\u200a\u201c, sagte sie, und ich senkte langsam die  Hand.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Weiter in der Kommentarspalte. Nun  hie\u00df es h\u00f6flich: \u201eVielleicht sollten Sie, werte Frau Soltani, auch  einen Augenblick dar\u00fcber nachdenken, wie es Ihnen heute ergehen w\u00fcrde,  w\u00e4ren Ihre Eltern im Iran geblieben, anstatt mit Ihnen nach Deutschland  zu gehen\u201c, hatte ein anderer Leser geschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ja, ich habe tats\u00e4chlich oft  dar\u00fcber nachgedacht, wie es uns heute ergehen w\u00fcrde, h\u00e4tten wir den Iran  nie verlassen. Was habe ich jetzt, was ich nicht gehabt h\u00e4tte? Was habe  ich f\u00fcr immer verloren, was ich dort gehabt h\u00e4tte? Niemand kann mir  eine Antwort auf diese Fragen geben. Und dann hatte derselbe Leser noch  hinzugef\u00fcgt: \u201eNeben Ihren Eltern sollten Sie Deutschland dankbar sein,  anstatt zu beckmessern.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Meinen Eltern war ich dankbar.  Doch musste ich Deutschland dankbar sein? Ich konnte keinem Land dankbar  sein. Vielleicht meinte der Leser, ich solle Frau Merkel oder Herrn  Kohl, der damals Bundeskanzler war, dankbar sein. Doch ich sp\u00fcre keine  Dankbarkeit Deutschland gegen\u00fcber. Meine Familie leistet ihren Beitrag,  arbeitet, zahlt Steuern. Ich zahle Steuern und behandle die kranken  Menschen dieser Gesellschaft. Darunter einen Patienten, der fr\u00fcher in  der rechten Szene unterwegs war.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eIst interessant, dass Sie jetzt  eine ausl\u00e4ndische Therapeutin haben\u201c, sagte ich, als er mir davon  erz\u00e4hlte. \u201eJa, ist interessant\u201c, sagte er, und es wurde eine gute  Therapie. Ich finde, Deutschland kann mir und allen hart arbeitenden  Kanaken verdammt noch mal dankbar sein. Es m\u00fcsste einen  Kanaken-Dankbarkeits-Tag geben! Ohne uns w\u00fcrde diese Gesellschaft nicht  funktionieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kommentar Nummer 87: \u201eDie junge  Dame konnte hier kostenfrei zur Schule gehen und anschlie\u00dfend studieren,  und sie wird aufgrund des Studiums eine bessere Chance auf ein gutes  Leben haben als all diejenigen, die ihr dies mit ihren Steuergeldern  erm\u00f6glichten.\u201c Waren wir nicht dazu bestimmt, aufzuholen oder gar zu  \u00fcberholen?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich wollte in einem Land leben,  in dem meine Anwesenheit nicht nur toleriert wurde, nicht nur  selbstverst\u00e4ndlich war, sondern auch wertgesch\u00e4tzt wurde. Aber  \u201ebeckmessern\u201c durfte ich ja nicht, und wenn man es doch tat, hie\u00df es:  \u201eGehen Sie doch dorthin, wo Sie hergekommen sind, wenn es Ihnen hier  nicht gef\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vielleicht hatten sie ja recht.  Vielleicht sollte ich genau das tun. Es war ein gleichzeitiges  Abgeschoben- und Angezogenwerden. Das st\u00e4ndig vermittelte Gef\u00fchl, nicht  \u201eurspr\u00fcnglich\u201c von hier zu sein, und die Sehnsucht, wirklich  dazuzugeh\u00f6ren, waren die Motoren, die eine Entscheidung vorantrieben:  Deutschland verlassen und in den Iran zur\u00fcckkehren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eWas ist blo\u00df in dich gefahren?  Du willst Deutschland verlassen und in den Iran ziehen?\u201c, sagten meine  Freunde. Sie hatten recht. Ich hatte doch alles, was man in Deutschland  zum Leben brauchte. Ich war Psychotherapeutin. Ich verdiente genug Geld,  ging zum Yoga, hatte meine Freunde und meine Freuden. Ich genoss meine  Pseudofreiheit im Zeitalter des Konsums, schaute Netflix, kaufte bei  Amazon, ging auf Junggesellenabschiede, schmiss Babyshowers f\u00fcr meine  Freundinnen, machte Urlaub, war gestresst, klagte st\u00e4ndig \u00fcber zu viel  Arbeit, dachte \u00fcber Versicherungen f\u00fcr dies und jenes nach und  wiederholte diesen Loop Jahr f\u00fcr Jahr. Es war ein gehetzt bet\u00e4ubtes  Leben in Frieden und Sicherheit.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: left;\">Analphabetin im eigenen Land<\/h6>\n<p style=\"text-align: left;\">Und so lief auch der Arbeitsalltag  hier einfach vor sich hin. \u201eIch habe eine kleine, s\u00fc\u00dfe Inderin mit  depressiven Symptomen gesehen\u201c, sagte eine Kollegin, als sie eine neue  Patientin vorstellte. \u201eIch finde es nicht besonders respektvoll, so \u00fcber  Patienten zu reden. Ich stelle meine deutschen Patienten auch nicht als  \u201akleine, s\u00fc\u00dfe Deutsche\u2018 vor\u201c, sagte ich. Und die anderen? Schwiegen.  Und ich? F\u00fchlte mich leer, hatte mich ins Aus gespielt. Aus der  Ausgrenzung in die Ausgrenzung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eGibt es eigentlich schwarze  Wundpflaster f\u00fcr Schwarze? M\u00fcsste es doch\u201c, fragte ich eines Mittags in  die Runde meiner Kollegen. Wir googelten und fanden heraus, dass das  bereits in den 60er Jahren in den USA thematisiert worden war. \u201eMan kann  sich aber auch \u00fcber jede Kleinigkeit aufregen\u201c, murmelte eine Kollegin.  \u201eWenn dein Volk \u00fcber zweihundert Jahre versklavt wurde, und du noch  heute t\u00e4glich Rassismus erf\u00e4hrst, dann ist es keine Kleinigkeit, wenn  dein Hautton nicht als Hautton anerkannt wird\u201c, antwortete ich. Und  wieder hatte ich mich aus dem Kreis begeben, hatte etwas angesprochen,  das zu Mittag schwer verdaulich war. Und die anderen? Schwiegen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wir Kanaken sp\u00fcrten Rassismus, er  war da, passierte uns, unseren Eltern, Geschwistern und Freunden, und  doch sprach man uns diese Erfahrung ab. \u201eIn Deutschland haben alle die  gleichen Chancen!\u201c, sagte eine deutsche Freundin, als ich erkl\u00e4rte, dass  mein Name bei Bewerbungen wohl weniger Chancen h\u00e4tte als ihrer. Ihr  schien es schwerzufallen, sich einzugestehen, dass wir unter ungleichen  Bedingungen gleich weit gekommen waren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\u201eWahrgenommene Diskriminierung?  Was soll das denn sein? Da kann ja jeder kommen und sagen, er f\u00fchlt sich  diskriminiert\u201c, sagte ein Kollege, als ich vorschlug, f\u00fcr meine  Doktorarbeit zu erfragen, in welchem Ausma\u00df Migranten Diskriminierung  wahrnahmen. Ich arbeitete vor einigen Jahren an einem renommierten  Forschungsinstitut, das zahlreiche Migrantenforschungsprojekte  durchf\u00fchrte. Daf\u00fcr gab es n\u00e4mlich viele Forschungsgelder.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Direktorin sagte: \u201eIch war in  Afrika, und wir waren auf dem Anwesen eines Kollegen. Es war so s\u00fc\u00df,  dort hingen die kleinen schwarzen Kinder wie \u00c4ffchen in den B\u00e4umen.\u201c  Aber da konnte ja jeder kommen und sich diskriminiert f\u00fchlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich zumindest hatte mich ja  assimiliert, wie man es von mir verlangt hatte. Sie nannten es zwar  \u201eintegriert\u201c, doch was sie meinten, war \u201eassimiliert\u201c. Ich als Kanakin  musste ihnen den Unterschied erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In diesem Prozess der  Assimilierung war ich mir selbst fremd geworden. Ich f\u00fchlte mich fremd  in mir und mit mir. Ich hatte die Ausgrenzung verinnerlicht, mich dabei  verloren und mochte mich nicht. Ich suchte nach diesem Gef\u00fchl der  Zugeh\u00f6rigkeit. Wahrhaftiger, k\u00f6rperlicher Zugeh\u00f6rigkeit, die durch den  Magen ging. Ich wollte mich durch die Erde, die mich geboren hatte,  ern\u00e4hren lassen. Ich dachte, ich w\u00fcrde mich im Iran wiederfinden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf fr\u00fcheren Reisen in den Iran  lief ich durch die Stra\u00dfen Teherans und schaute in Gesichter, die mir  bekannt, evolution\u00e4r vertraut waren. Die Stadt war voller Onkel und  Tanten, die ich nicht kannte. Die B\u00e4rte der M\u00e4nner sahen aus wie der  Bart meines Vaters auf den Fotos von fr\u00fcher. Die Ringe an ihren Fingern  waren die Ringe, die meine Gro\u00dfeltern trugen. Auch ich wollte einen  solchen Ring haben. Ich wollte ihn an meinem Ringfinger tragen. Ich  wollte den Iran heiraten und mich, bis dass der Tod uns schied, an ihn  binden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"https:\/\/taz.de\/picture\/4215113\/948\/25389541-3.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"https:\/\/taz.de\/picture\/4215113\/624\/25389541-3.jpeg\" alt=\"\" width=\"624\" height=\"303\" \/><\/a><span style=\"color: #888888;\">Soltani in Teheran: Irgendwann nervte \u201edas bl\u00f6de Kopftuch, das meine Haare platt dr\u00fcckte\u201c  Foto: Foto: privat<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><span style=\"color: #888888;\"><br \/>\n<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kommentar Nummer 70: \u201e\u00dcbrigens ist  meine ganz pers\u00f6nliche Erfahrung mit Menschen aus dem Iran leider genau  die, die hier in dem Artikel pr\u00e4sentiert wird. Vermeidet man 1001  M\u00f6glichkeiten, sie zu beleidigen, finden sie die 1002. M\u00f6glichkeit. Mir  kommt es manchmal fast so vor, als w\u00fcrden sie nur darauf warten,  beleidigt zu werden. Ursache ist meiner Meinung nach ein v\u00f6llig  \u00fcberkommenes Ehrgef\u00fchl.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese unerh\u00f6rten S\u00e4tze ein Leben  lang ungeh\u00f6rt lassen und weitergehen? Es lebten doch so viele meiner  Kanakenfreunde in Deutschland und genossen ihren Wohlstand. Ich konnte  es nicht. \u201eIch bin Postmigration\u201c, sagte ich zu meinen Freunden und  meinte damit, dass ich es leid war, expliziten und impliziten Rassismus  abzukl\u00e4ren. Mich zu erkl\u00e4ren. Andere aufzukl\u00e4ren. Sollten sie doch ihr  Land f\u00fcr sich haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und so k\u00fcndigte ich meinen Job,  lie\u00df mein Leben in Deutschland hinter mir, schwamm gegen den  \u201eFl\u00fcchtlingsstrom\u201c flussaufw\u00e4rts und kam dort an, wo keiner hinwollte,  von wo so viele wegwollten und wo manche mich hinw\u00fcnschten. Freunde  schenkten mir zum Abschied nicht ein, sondern gleich drei Kopft\u00fccher,  und ich machte mich auf den Weg.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich h\u00f6rte die Stimme meiner  Mutter: \u201eJetzt? Nach deiner Approbation? Jetzt willst du alles stehen  und liegen lassen, um in den Iran zu gehen? Sei doch vern\u00fcnftig.\u201c In den  Iran zu gehen, war alles andere als vern\u00fcnftig. Das war keine rationale  Entscheidung, ergab keinen Sinn. \u201eAber du musst doch ein Kopftuch  tragen\u201c, sagten meine Freunde. \u201eEs ist gef\u00e4hrlich dort, wir machen uns  doch nur Sorgen um dich\u201c, sagten sie auch. Und: \u201eDas h\u00e4ltst du nie im  Leben aus. Dir ist deine Freiheit viel zu wichtig.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sie fragten: \u201eDu willst nach Irak?  Ist da nicht Krieg?\u201c Es half nichts. Vernunft, gute gemeinte Ratschl\u00e4ge  und Warnungen lie\u00dfen mich nicht zweifeln. Dorthin, wo ich hergekommen  war, dachte ich nur. Im Sommer 2019 kam ich in Teheran an und stand mit  beiden Beinen auf dem Boden, die F\u00e4uste in die Seiten gestemmt in dieser  Stadt. Ich schlug mein Zelt auf und sp\u00fcrte nach. Ich suchte und wusste  nicht, wonach.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Im Iran konnte ich kaum lesen und  schreiben, ich hatte hier nie die Schule besucht. Analphabetin im  eigenen Land, dachte ich und bahnte mir Buchstabe um Buchstabe den Weg  zu einem Wort, das ich dann oftmals nicht kannte. \u201eBitte f\u00fcllen Sie  dieses Formular aus\u201c, sagte ein Bankangestellter, als ich dort ein Konto  er\u00f6ffnen wollte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich nahm das Formular entgegen,  starrte auf die W\u00f6rter und griff nach dem Stift, der neben mir lag.  \u201eName\u201c, las ich mir langsam selbst vor. Zumindest meinen Namen musste  ich doch schreiben k\u00f6nnen. Verloren starrte ich auf die restlichen  leeren Felder, die ich nicht zu f\u00fcllen vermochte. Mir war hei\u00df, die  Klimaanlage half wenig. Noch weniger half der wartende Blick des  Bankangestellten.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: left;\">Wie eine Erstkl\u00e4sslerin in Teheran<\/h6>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein lange vergessenes Gef\u00fchl  holte mich ein. Eine Sprachlosigkeit, die ich in Deutschland zum ersten  Mal erfahren hatte. Ich sa\u00df am ersten Schultag einer Mitsch\u00fclerin  gegen\u00fcber, bemerkte, dass wir die gleichen Hefte hatten, wollte sie  darauf hinweisen und eine Verbindung herstellen, suchte nach ihrem  Blick, l\u00e4chelte, schaute auf mein Heft, dann auf ihres und wollte etwas  sagen. Und konnte nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Worte blieben mir im Hals  stecken, denn es waren die falschen. Der Augenblick \u00fcberraschte mich  selbst. Sprachlosigkeit hatte ich in meinem kurzen Leben bis dahin noch  nicht bewusst erlebt. Und heute in der Bank? Ich gab mich geschlagen. Es  hatte keinen Sinn, so zu tun, als sei ich von hier. \u201eEntschuldigen Sie  bitte, es ist f\u00fcr mich etwas schwierig, dieses Formular auszuf\u00fcllen.  K\u00f6nnten Sie mir dabei behilflich sein?\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und so begleitete er mich durch  das Dickicht des Formulars. Stolz wie eine Erstkl\u00e4sslerin kam ich am  anderen Ende heraus, machte ein Foto und schickte es meinem Vater. \u201eMein  erstes ausgef\u00fclltes Formular\u201c, schrieb ich darunter. Das Leben in  Teheran war gar nicht so anders als in Frankfurt und gleichzeitig v\u00f6llig  anders. Ich hatte eine Wohnung im Norden der Stadt, die ich mir nach  und nach einrichtete und in der ich tags\u00fcber schrieb.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich ging auch hier zum Yoga,  meldete mich mit einem Freund bei einem Essay-Workshop an und besuchte  einen Philosophiekurs, in dem wir Texte von Goethe lasen. Freitags ging  ich mit Freunden zu Galerie-Er\u00f6ffnungen, sah mir Theaterst\u00fccke an und  lud zu Filmabenden bei mir zu Hause ein. \u201eDu siehst selbst total deutsch  aus. Das muss wohl daran liegen, dass du dort so lange gelebt hast\u201c,  sagte eine Freundin. Ich nickte h\u00f6flich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hier war ich etwas Besonderes,  die Freundin aus Europa, obwohl ich mit aller Kraft versuchte, mich  anzupassen und meinen deutschen Akzent loszuwerden. Nicht als anders  auffallen und doch anders sein. Das Fremdsein haftete weiter an mir. Und  trotzdem f\u00fchlte ich mich zu Hause bei den Menschen hier. Ihr Lautsein,  ihre Emotionen, das viele Essen, hier f\u00fchlte ich mich lebendig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Deutschland war es, als w\u00fcrde  man mit angezogener Handbremse durchs Leben fahren. Dort drehte ich  meine Lautst\u00e4rke herunter. Zimmerlautst\u00e4rke eben. Gesetzliche  Mittagsruhe. \u201ePsst! Das ist Ruhest\u00f6rung!\u201c Ich sehnte mich danach, diese  Ruhe zu st\u00f6ren. Ich wollte laut sein, ungest\u00fcm, unordentlich, ungeplant.  Teheran war all das. Und mehr. Eben ganz anders als Deutschland.<\/p>\n<h6 style=\"text-align: left;\">Halle und Hanau<\/h6>\n<p style=\"text-align: left;\">Kurze Zeit nach meiner Ankunft  stand wieder ein Krieg kurz bevor, doch Donald Trump brach den Angriff  zehn Minuten vorher ab. Hier lebte man mit diesem und anderen  Damoklesschwertern. Wie? Ich wei\u00df es nicht. Die Armut war direkt vor der  Haust\u00fcr, die Menschen waren hilflos und w\u00fctend. Und ich \u2013 ich war  hierhergekommen, um mich selbst zu finden? Ich sch\u00e4mte mich.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Blick vieler Menschen schien  zu sagen: \u201eDie hat keine Ahnung. Diese verw\u00f6hnten Europ\u00e4er, die dort im  \u00dcberfluss leben, wissen nicht, was wirkliche Probleme sind.\u201c Und sie  hatten recht. Das dicke Fell, das sich die Menschen hier hatten zulegen  m\u00fcssen, fehlte mir. Nach einem halben Jahr machte mir alles zu schaffen.  Die Luftverschmutzung, die mir in meiner Wohnung den Atem nahm, das  Chlor im Wasser, das unter der Dusche in meinen Augen brannte, das bl\u00f6de  Kopftuch, das meine Haare platt dr\u00fcckte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ich geh\u00f6rte nicht mehr zu diesem  Land, schon lange nicht mehr. Doch ich wollte bleiben, mir beweisen,  dass es ging. Wie konnte ich nach sechs Monaten aufgeben und einfach an  das Leben in Deutschland ankn\u00fcpfen? Es war kein Entweder-oder, es war zu  einem Weder-noch geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein weiteres Jahr wollte ich in  Teheran leben, kam nach Deutschland, wollte vier Wochen bleiben, kurz  durchatmen und wieder zur\u00fcckfliegen. Doch dann \u00fcberschlugen sich die  Ereignisse, der Iran stand erneut kurz vor einem Krieg, sie schossen das  Passagierflugzeug \u00fcber Teheran ab, es folgten Proteste. Und  Deutschland?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In meiner Abwesenheit: der  Anschlag in Halle, der Mord an L\u00fcbcke. Nach meiner R\u00fcckkehr: die Wahl in  Th\u00fcringen, der rassistische Anschlag in Hanau. Gehen, bleiben, gehen,  bleiben, bis Corona mir den R\u00fcckweg versperrte, mir die Entscheidung  abnahm und mir viel Zeit zum Nachdenken gab. Ich verstand, dass ich  nicht mit leeren H\u00e4nden aus dem Iran zur\u00fcckgekehrt war. Ich hatte etwas  mitgebracht. Es war eine Heimat, die ich mir erschlossen hatte und die  ich nun in mir trug.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und die deutsche Heimat? Der Mord  an George Floyd hatte etwas bewegt, auf der ganzen Welt und auch hier.  Im beh\u00e4bigen Deutschland wurden Wellen sp\u00fcrbar. Mit zehntausend anderen  Kanaken und Deutschen stand ich auf dem R\u00f6merberg in Frankfurt und rief:  \u201eBlack Lives Matter!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dieses Deutschland geh\u00f6rt mir! Ich war dort, wo ich hergekommen bin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mehr dazu:<a href=\"https:\/\/taz.de\/Essay-zu-Integration-und-Zuwanderung\/!5691765\/\" target=\"_blank\"> https:\/\/taz.de\/Essay-zu-Integration-und-Zuwanderung\/!5691765\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essay zu Integration und Zuwanderung Dieses Deutschland geh\u00f6rt mir Die Deutschiranerin Yasaman Soltani h\u00f6rte oft, sie solle dahin zur\u00fcckgehen, wo sie herkomme. 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