{"id":31864,"date":"2020-11-18T23:05:51","date_gmt":"2020-11-18T21:05:51","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=31864"},"modified":"2020-11-18T23:10:38","modified_gmt":"2020-11-18T21:10:38","slug":"die-nationale-frage-in-armenien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=31864","title":{"rendered":"Die nationale Frage in Armenien"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"753\" height=\"423\" src=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-32.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-31865\" srcset=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-32.png 753w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-32-300x169.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 753px) 100vw, 753px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left has-vivid-cyan-blue-color has-text-color has-small-font-size wp-block-paragraph\">Wer auch immer den aktuellen Machtkampf in Jerewan am Ende f\u00fcr sich entscheidet, ob sogar das Milit\u00e4r putscht oder ob Nikol Paschinjan doch \u00fcberlebt: Das Schicksal Armeniens wird nun im Kreml entschieden.<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/hovhannes.gevorkian\">HOVHANNES GEVORKIAN-BERLIN<\/a><\/li><li><a href=\"https:\/\/anfdeutsch.com\/hintergrund\/die-nationale-frage-in-armenien-22822\">Mittwoch, 18 Nov 2020<\/a><\/li><\/ul>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">\u201eArmenien hat heute die Wahl, ob es ein t\u00fcrkisches Vilayet oder eine russisches Gubernia sein darf\u201d, so ein Bekannter von mir in einem der vielen Telefongespr\u00e4che, die wir derzeit \u00fcber den Krieg in Arzach f\u00fchren. Vilayet beziehungsweise Gubernia stehen dabei \u00fcbersetzt f\u00fcr Provinz. Armenien hat also<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"> die Wahl, ob es eine t\u00fcrkische oder russische Kolonie sein darf. Zweifellos ist Armenien mit dem j\u00fcngsten trilateralen Abkommen mit Russland und Aserbaidschan zu einer De-Facto-Kolonie des Kremls geworden, das seinen ohnehin gro\u00dfen Einfluss auf den armenischen Staat mit der Kapitulation im Arzach-Krieg aufbauen konnte. Rund 2000 russische Friedenstruppen werden nun vor allem im n\u00f6rdlichen Teil von Arzach stationiert, zudem \u00fcberwachen russische Milit\u00e4rs den Latschin-Korridor von Armenien nach Arzach. Der s\u00fcdliche Teil von Arzach mit Schuschi und Hadrut wird von Aserbaidschan besetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Der letzte und neunte Punkt des nur einseitigen Abkommens bedeutet zudem, dass Aserbaidschan in S\u00fcdarmenien einen Korridor zu seiner Exklave Nachitschewan bekommt \u2014 \u00fcberwacht wiederum vom russischen Geheimdienst FSB. Das bedeutet einen enormen Souver\u00e4nit\u00e4tsverlust der Republik Armenien und wird in den n\u00e4chsten Jahren noch eine Schl\u00fcsselrolle einnehmen. Der Korridor bedeutet letztendlich, dass der t\u00fcrkische Staat eine direkte Verbindung zum \u00f6lreichen Kaspischen Meer bekommt. Obwohl die T\u00fcrkei nicht Teil der \u201eFriedensmission\u201d wird, kann sie sich als Siegerin sehen, da sie sich in Aserbaidschan festgesetzt hat und ihrem panturkistischen Traum einen gro\u00dfen Schritt n\u00e4her gekommen ist. Das Abkommen ist damit vor allem eine nationale Dem\u00fctigung, sodass sich die Frage nach der Zukunft des armenischen Volkes stellt, welche hier thematisiert werden soll.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>Ein beispielloser Zusammenbruch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Stunden vor und nach der Ank\u00fcndigung des Abkommens waren von einem Zerfall der armenischen Staatsstrukturen gepr\u00e4gt. Es gab wilde Spekulationen um die Stadt Schuschi, die strategisch wie symbolisch gro\u00dfe Bedeutung hat. Selbst der Premierminister Nikol Paschinjan machte nicht den Eindruck, dass er w\u00fcsste, wie es um Schuschi steht, nachdem das aserbaidschanische Verteidigungsministerium Videos von der besetzten Stadt ver\u00f6ffentlicht hatte. Am Abend des 9. November wurde zudem ein russischer Helikopter \u00fcber armenischem Territorium von aserbaidschanischen Kr\u00e4ften abgeschossen, was im Falle Russlands einen Casus Belli (Handlung, die unmittelbar einen Krieg ausl\u00f6st) zur Folge gehabt haben k\u00f6nnte \u2014 doch nur zwei Stunden sp\u00e4ter kam der Waffenstillstand. Die Bekanntmachung dessen trieb tausende w\u00fctende Armenier*innen auf die Stra\u00dfen und lie\u00df sie das Parlament und das Regierungsgeb\u00e4ude st\u00fcrmen. Paschinjan wurde als der gr\u00f6\u00dfte Verr\u00e4ter der armenischen Geschichte gebrandmarkt; der Parlamentssprecher Ararat Mirzoyan wurde fast zu Tode gepr\u00fcgelt und musste ins Krankenhaus eingeliefert werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Wie sich schnell herausstellte, waren diese Demonstranten (tats\u00e4chlich fast nur M\u00e4nner) Anh\u00e4nger der ehemaligen Pr\u00e4sidenten Robert Kotscharjan und Sersch Sargsjan. Paschinjan selbst hielt sich versteckt, meldete sich nur per Livevideo \u00fcber seinen privaten Facebook-Account. Die gesamte Situation zeigte ein desastr\u00f6ses Bild, zumal sowohl der Au\u00dfenminister Sohrab Mnazakanyan als auch Staatspr\u00e4sident Armen Sarkissjan berichteten, \u00fcber der Presse von dem trilateralen Abkommen erfahren zu haben. Mnazakanyan trat infolge dessen von seinem Amt zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Nach ein paar Tagen und entsprechenden Aussagen von hochrangigen Milit\u00e4rs und dem Verteidigungsminister Dawid Tonojan lichtete sich der Nebel in einer Hinsicht: Die armenische Seite war weder vorbereitet gegen das aserbaidschanische Milit\u00e4r, t\u00fcrkische Milit\u00e4rberater, islamistische Milizen und moderne Drohnentechnologie, noch war sie alldem gewachsen. Die milit\u00e4rische Front stand kurz vor dem Kollaps und nach der Einnahme Schuschis w\u00e4ren weitere Gebiete Arzachs an Aserbaidschan gefallen. https:\/\/cdn.iframe.ly\/mEIz8ZO<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><small><strong>T\u00fcrkische Fahne in Schuschi, 11. November 2020 | Global News<\/strong><\/small><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Bilanz des Krieges ist verheerend: Mehr als 2300 gefallene Soldaten, weitere tausend Verletzte, rund 100.000 Gefl\u00fcchtete, ganze St\u00e4dte, die zur H\u00e4lfte zerst\u00f6rt wurden. In den besetzten Gebieten von Arzach, aber auch den umliegenden Provinzen wie Karwatschar gibt es eine ethnische S\u00e4uberung, die die Handschrift Recep Tayyip Erdogans tr\u00e4gt. Armenien verliert alle umliegenden Provinzen, die zuvor unter seiner Kontrolle waren. Kilometerlange Gefl\u00fcchteten-Karawanen und niedergebrannte H\u00e4user pr\u00e4gen das Bild der ethnischen S\u00e4uberung, unz\u00e4hlige Familien haben eine ungewisse Zukunft. Ungewiss ist aber auch die Zukunft der armenischen Nation: Sie ist geteilt wie noch nie und hat mit der Kapitulation ein weiteres Trauma zu bew\u00e4ltigen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Doch wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es zu diesem Desaster kommen angesichts einer motivierten Mobilisierung zu Kriegsbeginn? Wie sieht die Zukunft Armeniens und Arzachs angesichts einer russischen Besatzung und einer t\u00fcrkischen Bedrohung aus?<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Sackgasse der Bourgeoisie<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">In der Geschichte der armenischen Republik gibt es zwei politische Hauptlinien: die liberale und die konservative. Erstere Linie wird von dem ersten Pr\u00e4sidenten Levon Ter-Petrosyan und seinem politischen Ziehsohn Nikol Paschinjan vertreten, w\u00e4hrend letztere Linie von Robert Kotscharjan und Sersch Sargsjan vertreten werden, beide jeweils Ex-Pr\u00e4sidenten. Entstanden aus der Solidarit\u00e4tsbewegung f\u00fcr Arzach und der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung Armeniens von der Sowjetunion arbeiteten diese beiden Str\u00f6mungen mal zusammen, mal gegeneinander und sind heute so verfeindet wie nie zuvor.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Amtszeit von Ter-Petrosyan (1991-1998) war gepr\u00e4gt von der Lostrennung und dem Zerfall der Sowjetunion und der neoliberalen Schocktherapie, die er dem Land mit Privatisierungen verordnete. Armenien verlor nur ein Jahr nach der Unabh\u00e4ngigkeit 56 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts und stand Anfang der 90er Jahre kurz vor dem Kollaps. W\u00e4hrend in dieser Zeit der Befreiungskampf um Arzach tobte, wurden Gas, Wasser und sogar Strom streng rationiert und waren teilweise nur f\u00fcr vier Stunden am Tag erh\u00e4ltlich. Ter-Petrosyan war unf\u00e4hig, diese wirtschaftlichen Probleme in den Griff zu bekommen, und f\u00e4lschte gar den Ausgang der Wahlen 1996, deren nachfolgende Proteste er mit Waffengewalt niederschlagen lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Ter-Petrosyan war nicht so sehr in die milit\u00e4rischen Angelegenheiten des Arzach-Krieges involviert wie sein Verteidigungsminister Wasken Sarkissjan, der als K\u00e4mpfer in Arzach zu Ruhm und Ehre gelangte. Sarkissjan hatte ihn zwar 1996 noch unterst\u00fctzt, sollte sich aber als K\u00f6nigsmacher des damaligen Premierminister Robert Kotscharjan erweisen, der Ter-Petrosyan 1998 abl\u00f6ste, nachdem dieser zu Kompromissen in der Arzach-Frage bereit war. Kotscharjan wurde Pr\u00e4sident, w\u00e4hrend Sarkissjan ein Jahr sp\u00e4ter Premierminister wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Als am 27. Oktober 1999 bewaffnete M\u00e4nner das Parlament st\u00fcrmten und neben dem Premierminister auch den Parlamentssprecher Karen Demirtschjan ermordeten, stellte dies einen Wendepunkt f\u00fcr die junge Republik dar: Die zwei wichtigsten Figuren im Parlament waren ausgeschaltet, sodass der Weg f\u00fcr die autorit\u00e4re Herrschaft Kotscharjans geebnet wurde: Diese Herrschaft sollte bis 2018 dauern und stellte f\u00fcr Armenien eine Zeit der Stagnation dar. Es waren zwanzig verlorene Jahre, wo rund 500.000 Menschen das Land verlie\u00dfen, weil es f\u00fcr sie keine Perspektiven mehr gab. Dem eigenen Staat liefen also die B\u00fcrger*innen davon, zumal sich die wirtschaftliche Lage schlecht entwickelte, Korruption allgegenw\u00e4rtig, Arbeitspl\u00e4tze daf\u00fcr aber rar waren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>Widerstand und Herausforderung eines autorit\u00e4ren Systems<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Armenier*innen sind ein rebellisches Volk. Kaum eine (gef\u00e4lschte) Wahl ging ohne Proteste ab; die letzten 30 Jahre seit dem Erwachen um die Arzach-Bewegung waren gepr\u00e4gt von allen m\u00f6glichen Aktionsformen: Generalstreiks, Blockaden, massenhafter ziviler Ungehorsam, Massendemonstrationen und schlie\u00dflich die sogenannte \u201eSamtene Revolution\u201d pr\u00e4gten all die Jahre seit 1988. Exakt drei\u00dfig Jahre nach diesem Erwachen kam es zum Sturz der Regierung um Sersch Sargsjan, der 2008 das Amt des Pr\u00e4sidenten von seinem Freund und Verb\u00fcndeten Robert Kotscharjan \u201ebekommen\u201d hatte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Stellte der Regierungssturz 2018 das Ergebnis eines friedlichen, demokratischen Massenprotests dar, verliefen die Proteste gegen die gef\u00e4lschten Wahlen 2008 sehr blutig ab: Acht Protestierende und zwei Sicherheitskr\u00e4fte starben bei der gewaltsamen Aufl\u00f6sung der Demonstrationen am 1. M\u00e4rz. Ein Tiefpunkt in der Geschichte der Republik Armenien, aber gleichzeitig auch das Signal, dass Proteste wirkungslos sein sollten. Doch auch diese blutige Botschaft hinderte die Armenier*innen \u00fcber kurz oder lang nicht, die Proteste wieder aufzunehmen: 2015 gab es Widerstand gegen die Erh\u00f6hung der Strompreise, die bereits von der Jugend angef\u00fchrt wurden, die nicht mehr in der Sowjetunion aufgewachsen war. Ein Jahr sp\u00e4ter kam es zur Erst\u00fcrmung einer Polizeistation in Jerewan durch die Gruppe \u201eSasna Tserer\u201d, einer nationalistischen Partei, welche die Vereinigung mit Arzach und die Ablehnung der Allianz mit Russland fordert.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Geiselnahme mehrerer Personen, an der auch angesehene Veteranen des Arzach-Krieges beteiligt waren, sollte als Initialz\u00fcndung f\u00fcr einen revolution\u00e4ren Aufstand dienen. Tats\u00e4chlich kam es im Sommer 2016 zu Protesten infolge dieser Aktion, an deren Ende zwei Personen starben. Es war nicht so sehr die Solidarisierung mit der kleinen Gruppe, sondern die Ablehnung der Regierung, welche die Menschen zu tausenden auf die Stra\u00dfen trieb. Die Sargsjan-Jahre waren eine Zeit der Agonie; verst\u00e4rkt wurde dieses Gef\u00fchl durch die Verluste beim Vier-Tage-Krieg im April 2016 um Arzach, der schon damals offenbarte, in was f\u00fcr einem schlechten Zustand sich das Milit\u00e4r befand. Es konnte nicht mehr so weitergehen \u2014 und doch gewann Sargsjans Partei der Republikaner 2017 die Parlamentswahlen. Das Land drohte zu einem Friedhof zu werden, die Korruption im Staatsapparat machte jegliche Entwicklung zunichte. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Anfang 2018 w\u00e4hnte sich die kremltreue Elite sicher im Sattel, \u00fcberfressen von der Pl\u00fcnderung des Landes wurde es dekadent. Sargsjan war ihr Mann schlechthin, der beste Verbindungen zu Wladimir Putin hatte und die Wirtschaft des Landes an russische Unternehmen verkaufte, die zum Beispiel mit Gazprom zu 80 Prozent den Energiesektor kontrollieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Als Sargsjan in einer \u00c4mterrochade von Staatspr\u00e4sidenten zum Premierminister zu wechseln versuchte, wollte er damit nichts anderes als das gleiche Man\u00f6ver wie Erdogan und Putin vollziehen, mithilfe einer Verfassungsreform die bisherige Regierungsform in ein autorit\u00e4res System mit einer Machtkonzentration bei der Exekutive und enormer Machtf\u00fclle f\u00fcr sich selbst umbauen. Doch diese Ank\u00fcndigung brachte das Fass endg\u00fcltig zum \u00dcberlaufen; das Land sah im April und Mai eine beispiellose Massenmobilisierung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.imgur.com\/AOcKRcd.jpg\" alt=\"\"\/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>Die Explosion<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Beobachter*innen hatten schon bei den Wahlen 2017 erstaunt darauf verwiesen, dass es diesmal keine Proteste gegen den Wahlausgang gab, die These von den Armenier*innen als rebellisches Volk konterkarierend. Doch Mitte M\u00e4rz nahm ein ehemaliger Journalist und bis dato der Welt unbekannter Parlamentsabgeordneter einen Protestmarsch von Gjumri nach Jerewan auf und kam einen Monat sp\u00e4ter an. Nur einige Dutzend begleiteten ihn, seine Parteienkoalition hatte weniger als acht Prozent bei den Parlamentswahlen erreicht. Selbst die eigenen Anh\u00e4nger*innen scherzten, dass der Protestmarsch zwar politisch wenig gebracht, daf\u00fcr aber gut f\u00fcr die Gesundheit gewesen sei.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Doch diesmal blieb es nicht nur bei Demonstrationen und Kundgebungen. Diesmal wurden eine Reihe neuer Taktiken angewandt, um vor allem die Jugendlichen zu begeistern und zu mobilisieren. So verliefen die Demonstrationsrouten immer wieder an Schulen und der Universit\u00e4t vorbei, sodass die Proteste im Laufe der Zeit anwuchsen. Massenhafter und spontaner ziviler Ungehorsam wurde zum Motto der Stunde: Kleinere Gruppen konnten den Verkehr urpl\u00f6tzlich lahmlegen und ganz Jerewan paralysieren. Paschinjan gab zwar damals den Takt vor, aber seine Taktik h\u00e4tte nichts gebracht, wenn es nicht selbstorganisierte Blockaden und Streiks gegeben h\u00e4tte. Er selbst war in der armenischen Politik kein Unbekannter: 2008 stand er an der Seite Ter-Petrosyans und wurde repressiv verfolgt, nachdem das Massaker stattgefunden hatte. Nachdem er ein Jahr im Untergrund war, stellte er sich und wanderte f\u00fcr zwei Jahre ins Gef\u00e4ngnis, ehe er 2011 durch eine Amnestie wieder frei kam.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Aktionen im Fr\u00fchjahr 2018 sollten im Gegensatz zu 2008 stets friedlichen und auch fr\u00f6hlichen Charakter haben: Die Blockierung einer Kreuzung wurde einmal zum Beispiel mit einem typisch armenischen Grillfest verbunden. Der Polizei fiel es aufgrund dessen schwer, repressiv gegen friedliche und freundliche Protestierende vorzugehen. Aber nichtsdestotrotz gab es sie und besonders am Anfang wurden die Kundgebungen sogar mit Blendgranaten angegriffen. Die Proteste wurden aber auch deswegen so massiv, weil sich Sargsjan unflexibel zeigte und kaum auf die Protestierenden zuging. Das noch nicht einmal f\u00fcnfmin\u00fctige Gespr\u00e4ch zwischen ihm und Paschinjan vor aller \u00d6ffentlichkeit wurde zum Symbol einer tiefen Spaltung zwischen dem Volk und den Herrschenden, zumal Sargsjan offen mit einer Wiederholung des 1. M\u00e4rz 2008 drohte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Der R\u00fccktritt danach kam unerwartet, aber nicht \u00fcberraschend angesichts des Datums am 23. April. Der 24. April ist der Gedenktag der Armenier*innen an den Genozid im Osmanischen Reich, ein Datum von enormer Bedeutung, wo regelm\u00e4\u00dfig Hunderttausende sich auf den Weg zur Gedenkst\u00e4tte Zizernakaberd machen, um an die Opfer zu erinnern und sie zu ehren. Das Gebiet des heutigen Armenien wurde zu gro\u00dfen Teilen von den \u00dcberlebenden und Gefl\u00fcchteten des Genozids bev\u00f6lkert. Es gibt kaum eine Familie in Armenien, die nicht vor \u00fcber hundert Jahren ein Opfer zu beklagen h\u00e4tte. Es w\u00e4re ein nationales Desaster f\u00fcr Sargsjan gewesen, an diesem Tag neue Proteste wom\u00f6glich gewaltsam anzugreifen und aufzul\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Mit dem R\u00fccktritt kam Nikol Paschinjan zwar nicht direkt an die Macht, jedoch zeigte der Generalstreik am 2. Mai, dass er auch die Arbeiterklasse mobilisieren konnte, um einen Regierungswechsel herbeizuf\u00fchren. F\u00fcr die gesamte Kaukasus-Region war dieser Generalstreik ein Schritt nach vorn, da im Zuge der b\u00fcrgerlichen Restauration ab 1989\/90 die Industrie abgebaut und Unternehmen privatisiert wurden, sodass eine proletarische Organisierung und Mobilisierung schwerer wurde. Der Generalstreik legte das ganze Land lahm und sorgte letztendlich daf\u00fcr, dass Paschinjan selbst mit den Stimmen der Opposition Premierminister wurde.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Er machte sein Versprechen wahr, indem er wenige Monate sp\u00e4ter zur\u00fccktrat, um Neuwahlen auszurufen: Die ersten freien und unabh\u00e4ngigen seit 1991. Das Land war mitten im demokratischen Aufbruch und sollte 2019 ein Wachstum von 7,5 Prozent hinlegen. Das bekannte Wirtschaftsmagazin Forbes w\u00e4hlte Armenien 2018 zum \u201eLand des Jahres\u201d aus und selbst die FAZ sprach vom \u201eSilicon Valley des Kaukasus\u201d aufgrund der starken IT-Branche in Armenien.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>Nichts ist mehr, wie es war<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">\u201eWir sind nicht mehr das gleiche Land wie vom 26. September, noch nicht einmal wie vom 8. November\u201d, so der Pr\u00e4sident Armen Sarkissjan in einer Rede am 16. November, bei der er den R\u00fccktritt der Regierung und Neuwahlen forderte. Das Abkommen mit Russland und Aserbaidschan tr\u00e4gt dazu bei, dass das Land im politischen Chaos versinkt. Neben anderen taktischen Fehlern, die Nikol Paschinjan vorgeworfen wurden, wie etwa seine negative Haltung zu Russland, tr\u00e4gt er selbst nun dazu bei, dass sich die politische Stimmung im Land aufheizt. Sein Facebook-Post vom 15. November, wo er die Soldaten von der Front begr\u00fc\u00dft und darauf wartet, dass sie zur\u00fcckkehren, um mit dem \u201eWeinen vor den Mauern\u201d (damit meint er die Demonstrationen der Oppositionsparteien gegen ihn) Schluss zu machen, kann als Aufruf zu einem B\u00fcrgerkrieg verstanden werden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">In den letzten Tagen soll es aber auch Attentatspl\u00e4ne gegen ihn gegeben haben, die der nationale Geheimdienst vereitelte. W\u00e4hrend in Arzach russische Truppen einmarschieren, das t\u00fcrkische Milit\u00e4r seine Pr\u00e4senz zur armenischen Grenze verst\u00e4rkt, die t\u00fcrkische Fahne \u00fcber Schuschi weht und mehr als 100.000 Gefl\u00fcchtete aus Arzach in Not sind, zerfleischen sich die b\u00fcrgerlichen Parteien und k\u00fcmmern sich kaum um humanit\u00e4re Hilfe f\u00fcr die Gefl\u00fcchteten. Einmalig bekommen die Gefl\u00fcchteten aus Arzach rund 140 US-Dollar \u2014 eine l\u00e4cherlich geringe Summe angesichts der Existenz schwerreicher Kapitalisten im Land.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die Zahl der gefallenen Soldaten ist viel h\u00f6her als lange Zeit angegeben, mehr als 2500 teils sehr junge Menschen sind gefallen, tausende weitere verwundet und so arm, dass sie sich die Operationen nicht leisten k\u00f6nnen. W\u00e4hrend in Jerewan der Machtkampf tobt, sammeln die armen Familien privat verzweifelt Geld, um ihre Not zu lindern und zu \u00fcberleben. Eltern vermisster und toter Soldaten demonstrieren vor dem Verteidigungsministerium, um wenigstens die K\u00f6rper ihrer Kinder zu bekommen, um sie in letzten Ehren bestatten zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Doch wer auch immer den Machtkampf am Ende f\u00fcr sich entscheidet, ob sogar das Milit\u00e4r putscht oder ob Nikol Paschinjan doch \u00fcberlebt: Das Schicksal Armeniens wird nun im Kreml entschieden. Es scheint ausgeschlossen, dass die zuk\u00fcnftige Regierung ohne Moskaus Willen ins Amt kommt. Russland hat eine sehr starke Milit\u00e4rpr\u00e4senz in Arzach aufgebaut und verf\u00fcgt zudem \u00fcber eine selbstverwaltete Milit\u00e4rbasis in Armenien. Mit diesem aufgezwungen Abkommen machte es noch einmal deutlich, dass es den Kaukasus als seine Hegemoniezone ansieht. Es setzte sich vorl\u00e4ufig gegen die T\u00fcrkei durch, was die Stationierung der \u201eFriedenstruppen\u201d angeht und scheint sogar im Begriff zu sein, nicht nur in Arzach pr\u00e4sent zu sein, sondern auch in Karwatschar, das von den Armenier*innen ger\u00e4umt wurde. Zusammen mit t\u00fcrkischen Truppen wird es in Barda (Aserbaidschan) unweit von Arzach ein Zentrum zur \u00dcberwachung des Waffenstillstandes bilden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Das Abkommen ist zun\u00e4chst nur f\u00fcr f\u00fcnf Jahre ausgelegt und kann um weitere f\u00fcnf Jahre verl\u00e4ngert werden, allerdings ist es im Grunde noch fragiler als das Waffenstillstandsabkommen vom 12. Mai 1994. Der gesamte S\u00fcdkaukaus wird damit zum Schauplatz starker russischer und t\u00fcrkischer Milit\u00e4rpr\u00e4senz und birgt ein enormes Konfliktpotenzial zwischen den Regionalm\u00e4chten. Genauso wie in Syrien sind die unterdr\u00fcckten V\u00f6lker die ersten, die unter dieser Situation zu leiden haben und verfolgt werden. Das armenische Volk zusammen mit den im Land lebenden Ezid*innen und Aram\u00e4er*innen steht wortw\u00f6rtlich zwischen den Fronten zwischen der T\u00fcrkei, die sie am liebsten ganz vernichten, und Russland, das sie als Man\u00f6vriermasse beherrschen will. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Deswegen und aufgrund der Geschichte der unterdr\u00fcckten V\u00f6lker zwischen Krieg, Vertreibung, Genozid und Kolonisation bleibt ihnen nichts anderes \u00fcbrig, als zu k\u00e4mpfen \u2013 zu k\u00e4mpfen, um zu leben! &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/anfdeutsch.com\/hintergrund\/die-nationale-frage-in-armenien-22822\">https:\/\/anfdeutsch.com\/hintergrund\/die-nationale-frage-in-armenien-22822<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer auch immer den aktuellen Machtkampf in Jerewan am Ende f\u00fcr sich entscheidet, ob sogar das Milit\u00e4r putscht oder ob Nikol Paschinjan doch \u00fcberlebt: Das Schicksal Armeniens wird nun im&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":31865,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-31864","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31864","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=31864"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31864\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":31868,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/31864\/revisions\/31868"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/31865"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=31864"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=31864"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=31864"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}