{"id":32244,"date":"2020-11-30T10:22:30","date_gmt":"2020-11-30T08:22:30","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=32244"},"modified":"2020-11-30T10:22:30","modified_gmt":"2020-11-30T08:22:30","slug":"ein-land-am-abgrund","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=32244","title":{"rendered":"Ein Land am Abgrund"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"752\" src=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-141-1024x752.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-32245\" srcset=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-141-1024x752.png 1024w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-141-300x220.png 300w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-141-768x564.png 768w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-141.png 1260w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>Armenien<\/strong> Betr\u00e4chtliche Verluste an Souver\u00e4nit\u00e4t und Territorium sind der Preis f\u00fcr den Krieg um Bergkarabach<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"> <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\">Jens Malling<\/a> | <a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/ausgaben\/4820\">Ausgabe 48\/2020<\/a>, 29.11.2020<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Ersch\u00fctternde Angaben \u2013 2001, 2000, 2002, 2000, 2002, die Geburtsjahre neben den Namen der armenischen Gefallenen. Sie zeigen, diese Wehrpflichtigen kamen nie dazu, ihren 20. Geburtstag zu feiern. W\u00e4hrend weltweit der Streit \u00fcber den Ausgang der US-Wahlen und die Corona-Pandemie die Gem\u00fcter bewegt, findet kaum Beachtung, dass innerhalb weniger Wochen 2.425 junge Armenier im Kampf gegen die \u00dcbermacht Aserbaidschans get\u00f6tet wurden, als sie die Region Bergkarabach zu halten suchten.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Sie kamen zwischen dem 27. September und dem 10. November bei Schlachten ums Leben, die wegen des Einsatzes von Kamikaze-Drohnen und Pr\u00e4zisionsraketen als Hightech-Massaker zutreffend beschrieben sind. Sie fielen dem extremen Nationalismus des aserbaidschanischen Staatschefs Ilham Alijew ebenso zum Opfer wie den Waffenh\u00e4ndlern aus Russland, der T\u00fcrkei, Israel und Serbien, die seit Jahren Alijews Armee versorgt haben. Geopfert wurden diese Soldaten aber auch von der politischen Elite Armeniens, die nach den Siegen und der Besetzung aserbaidschanischen Terrains im vorherigen Krieg (1988 \u2013 1994) 25 Jahre lang keinen verl\u00e4sslichen Frieden auszuhandeln vermochte.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Aserbaidschan h\u00e4lt seine Verluste bislang geheim. Anzunehmen ist, dass sie ebenfalls hoch sind. Man wei\u00df von etwa 150 zivilen Opfern, zu denen es u. a. kam, als armenische Raketen die Stadt Gandscha in aserbaidschanischem Kernland trafen. Nach Angaben aus Moskau muss insgesamt mit mehr als 4.000 Toten \u2013 Zivilisten wie Milit\u00e4rs \u2013 gerechnet werden. Noch ist das keine verbindliche Zahl.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Sicher ist hingegen: Als Russlands Pr\u00e4sident Putin, der armenische Premier Nikol Paschinjan und Alijew am 9. November die Waffenstillstandsagenda unterzeichneten, stand Armenien an allen Fronten vor dem Zusammenbruch, was zu erheblichen Konzessionen zwang. Jerewan verlor die Kontrolle \u00fcber den gesamten S\u00fcden von Bergkarabach, einschlie\u00dflich der als heiliger Ort geltenden Stadt Schuschi (<a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/ausgaben\/4620\"><em>der Freitag<\/em> 46\/2020<\/a>). Ger\u00e4umt werden m\u00fcssen die sieben Regionen, die w\u00e4hrend des vorangegangenen Krieges besetzt wurden und als Pufferzone rings um Bergkarabach dienten. Dar\u00fcber hinaus hat sich Aserbaidschan wieder den Zugang zu einem Korridor gesichert, der zu seiner von Iran und Armenien umschlossenen Exklave Nachitschewan f\u00fchrt. Diese Klausel aus dem Abkommen \u00fcber die Feuerpause kommt auch der T\u00fcrkei gelegen. Die Trasse sichert bessere Handelswege, um Aserbaidschan und die zentralasiatischen Staaten auf der \u00f6stlichen Seite des Kaspischen Meeres zu erreichen, auch wenn durch den Korridor k\u00fcnftig russische Sicherheitskr\u00e4fte patrouillieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Zugleich hat die Regierung in Jerewan ein ernstes Fl\u00fcchtlingsproblem. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der 150.000 in Bergkarabach lebenden ethnischen Armenier ist zun\u00e4chst kopf\u00fcber ins Mutterland geflohen, um Repressalien vorr\u00fcckender Aserbaidschaner zu entgehen. Brennende, von den Vertriebenen selbst angesteckte H\u00e4user s\u00e4umen den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Sicherheitspolitisch muss sich Armenien des Dilemmas bewusst werden, durch den Aderlass in Bergkarabach das eigene Territorium nicht mehr ausreichend verteidigen zu k\u00f6nnen. Mehr denn je wird man auf die Gnade und den Schutz Russlands angewiesen sein, um \u2013 eingeklemmt zwischen zwei Erzfeinden, der T\u00fcrkei im Westen und Aserbaidschan im Osten \u2013 nicht \u00fcber Geb\u00fchr politisch erpressbar zu sein. Dabei zeugt die Entsendung des Friedenskorps (etwa 2.000 Mann) vom gr\u00f6\u00dften Milit\u00e4reinsatz Russlands im Kaukasus seit 2008 \u2013 seit es zum Sommerkrieg gegen Georgien kam. Dies kommt einem zuvor schon erheblichen regionalen Einfluss zugute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><strong>Peinigung und Pogrom<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Wegen der Kriegsfolgen steht Regierungschef Paschinjan schwer unter Druck. Hardliner und Nationalisten beschuldigen ihn des Verrats, er habe sich der aserbaidschanischen \u00dcbermacht gebeugt, statt dagegen anzuk\u00e4mpfen. Der Widerstand gegen seine Regierung hat ein Ausma\u00df angenommen, dass deren j\u00e4her Sturz nicht mehr auszuschlie\u00dfen ist. Am Tag des Waffenstillstands st\u00fcrmte eine w\u00fctende Menge das Parlament in Jerewan und misshandelte dessen Pr\u00e4sidenten Ararat Mirsojan, der anschlie\u00dfend ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Am 14. November wurde Artur Wanezjan, einst Chef des nationalen Sicherheitsdienstes, f\u00fcr kurze Zeit verhaftet, weil der Verdacht bestand, er plane Paschinjan zu ermorden und die Macht zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">F\u00fcr viele Armenier geh\u00f6rt Bergkarabach seit jeher zur nationalen und kulturellen Identit\u00e4t. In der Region befinden sich mehrere christliche Denkm\u00e4ler, mittelalterliche Kl\u00f6ster und Kirchen. Die jetzigen Gebietsverluste werden als Fortschreibung einer zu oft tragischen Geschichte verstanden, die das armenische Volk immer wieder Peinigung und Pogromen ausgesetzt hat. Vor gut 100 Jahren fielen in der heutigen T\u00fcrkei 1,5 Millionen Menschen infernalischen Massakern zum Opfer, was in Ankara wie Baku nach wie vor nicht als V\u00f6lkermord anerkannt wird.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/ein-land-am-abgrund\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/der-freitag\/ein-land-am-abgrund<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Armenien Betr\u00e4chtliche Verluste an Souver\u00e4nit\u00e4t und Territorium sind der Preis f\u00fcr den Krieg um Bergkarabach Jens Malling | Ausgabe 48\/2020, 29.11.2020 Ersch\u00fctternde Angaben \u2013 2001, 2000, 2002, 2000, 2002, die&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":32245,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[],"tags":[],"class_list":["post-32244","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32244","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=32244"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32244\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":32246,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/32244\/revisions\/32246"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/32245"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=32244"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=32244"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/norkhosq.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=32244"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}