{"id":32253,"date":"2020-11-30T20:50:16","date_gmt":"2020-11-30T18:50:16","guid":{"rendered":"http:\/\/norkhosq.net\/?p=32253"},"modified":"2020-11-30T20:50:16","modified_gmt":"2020-11-30T18:50:16","slug":"israels-sonderbarer-bettgenosse-aserbaidschan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/norkhosq.net\/?p=32253","title":{"rendered":"Israels sonderbarer Bettgenosse Aserbaidschan"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"764\" src=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-144-1024x764.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-32256\" srcset=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-144-1024x764.png 1024w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-144-300x224.png 300w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-144-768x573.png 768w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-144.png 1153w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Jerusalem hat Entscheidendes zum Sieg Bakus im Konflikt um Nagorni Karabach beigetragen. Der Staat der Juden Seite an Seite mit Aserbaidschan und dessen Mentor, der T\u00fcrkei \u2013 das sorgt f\u00fcr Irritation, nicht nur in Armenien.<\/p>\n\n\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Ulrich Schmid, Tel Aviv 25.11.2020<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Aufmerksame Beobachter haben in den Tagen des Kriegs in Nagorni Karabach einen regen Flugverkehr zwischen dem s\u00fcdisraelischen Luftwaffenst\u00fctzpunkt Ovda im Negev und der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku festgestellt. Die Folgerung liegt auf der Hand: Das Regime von Pr\u00e4sident Ilham Alijew hat sich in Israel f\u00fcr den Krieg gegen Armenien alimentiert, so, wie es das seit Jahren tut. Anscheinend mit Erfolg. Mit Waffen aus Israel und der T\u00fcrkei hat Aserbaidschan Armenien eine vernichtende Niederlage zugef\u00fcgt.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-left wp-block-heading\">Drohnen als Verkaufsschlager<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Obwohl sich die offiziellen Stellen in Israel in Schweigen h\u00fcllen, sind die Fakten nicht zu leugnen. Laut dem Stockholmer Institut Sipri war Israel in den letzten f\u00fcnf Jahren der wichtigste Waffenlieferant Aserbaidschans, mit Verk\u00e4ufen im Wert von 740 Millionen Dollar. Russland, das auch Armenien aufr\u00fcstet, folgt auf Platz zwei. Pr\u00e4sident Alijew sagte im Dezember 2016 vor Journalisten, sein Land habe bei israelischen Firmen \u00abVerteidigungsausr\u00fcstung\u00bb im Wert von fast 5 Milliarden Dollar bestellt. <a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=vooY6E5R_0Y&amp;t=158s\">Netanyahu sass neben Alijew und l\u00e4chelte zufrieden.<\/a> Der Verkaufsschlager der Israeli sind Drohnen, darunter die<a rel=\"noreferrer noopener\" target=\"_blank\" href=\"https:\/\/www.iai.co.il\/p\/harop\"> Harop des staatlichen R\u00fcstungskonzerns Aerospace Industries<\/a>. Sie wird auch als Kamikaze-Drohne bezeichnet, da sie im Ziel zur Explosion gebracht werden kann. An einer Milit\u00e4rparade in Baku wurden bereits 2015 israelische Drohnen gezeigt. Alijew best\u00e4tigte ihren Einsatz im Vier-Tage-Krieg im April 2016 und lobte ihre Treffsicherheit. 2018 waren Sturmgewehre des Typs Tavor zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"789\" src=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-143-1024x789.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-32255\" srcset=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-143-1024x789.png 1024w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-143-300x231.png 300w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-143-768x591.png 768w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-143.png 1153w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">In Armenien hat das Verhalten Israels Emp\u00f6rung ausgel\u00f6st. Ministerpr\u00e4sident Nikol Paschinjan wies ein Angebot aus Jerusalem, humanit\u00e4re Hilfe zu schicken, ab und unterstellte Israel, es mache in Aserbaidschan gemeinsame Sache mit \u00abder T\u00fcrkei, Terroristen und syrischen S\u00f6ldnern\u00bb. Der Pr\u00e4sident der international nicht anerkannten Republik Nagorni Karabach, Araik Arutjunjan, befand, Israel sei faktisch Komplize in einem Genozid. Wladimir Pogosjan, ein Berater des armenischen Generalstabs, stellte Israel und die Nazis auf dieselbe Stufe: \u00abDas heutige Israel und das Deutschland von 1933 sind ein und dasselbe.\u00bb Anfang Oktober rief Erewan seinen Botschafter aus Tel Aviv zur\u00fcck \u2013 nur zwei Wochen nachdem Armenien erstmals eine diplomatische Vertretung in Israel eingerichtet hatte.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-left wp-block-heading\">Argwohn gegen\u00fcber Teheran<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Man kann den Zorn der Armenier verstehen. Israel r\u00fcstet ein muslimisches Land auf? Ein Land, das die christlichen Armenier angreift, die <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/israel-hat-bis-heute-den-osmanischen-genozid-an-den-armeniern-nicht-anerkannt-ld.1506071\">Opfer des osmanischen Genozids<\/a>? Und doch ist es so. Israel und Aserbaidschan vertragen sich seit dem Zerfall der Sowjetunion gut. Beide L\u00e4nder empfinden Iran als existenzielle Bedrohung. Die Aseri sind zwar mehrheitlich Schiiten, aber ein Turkvolk. Teheran bef\u00fcrchtet, die rund 16 Millionen Aseri in Iran mit einem Bev\u00f6lkerungsanteil von 24 Prozent k\u00f6nnten die Vereinigung mit dem Mutterland suchen. \u00abGrossaserbaidschan\u00bb heisst das Schreckgespenst. Die s\u00fcdkaukasischen Aseri wiederum, in ihrer grossen Mehrzahl typisch postsowjetisch s\u00e4kular bis areligi\u00f6s, f\u00fcrchten \u00e4hnlich wie die Juden den religi\u00f6sen Fanatismus der Iraner. Mit den Theokraten in Teheran hat Alijew, die Inkarnation raffender, korrupter Weltlichkeit, allenfalls den antidemokratischen Machtinstinkt gemein. Demografisches kommt dazu. In Aserbaidschan leben laut j\u00fcdischen Organisationen bis zu 16\u00a0000 Juden, und zwar weitgehend unbehelligt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"661\" height=\"439\" src=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-145.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-32257\" srcset=\"https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-145.png 661w, https:\/\/norkhosq.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/grafik-145-300x199.png 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 661px) 100vw, 661px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Den Strategen in Jerusalem erschien das Land am Kaspischen Meer jedenfalls als idealer B\u00fcndnispartner. Israel hat fr\u00fch die Unabh\u00e4ngigkeit Aserbaidschans anerkannt. Bereits im ersten Krieg um Nagorni Karabach lieferte Israel Waffen. 1992 wurden diplomatische Beziehungen aufgenommen, 1993 richtete Israel eine Botschaft in Baku ein. <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/israels-muslimischer-vorposten-ld.1392638\">Aserbaidschan schickt Erd\u00f6l in Mengen, die mehr als einen Drittel des israelischen Bedarfs decken,<\/a> Israel bedankt sich mit Waffen. Israel ist der f\u00fcnftgr\u00f6sste Handelspartner Aserbaidschans, seit Jahren gibt es Direktfl\u00fcge zwischen Tel Aviv und Baku. Israelische R\u00fcstungsbetriebe haben aserbaidschanische Spezialeinheiten und Bodyguards ausgebildet, sie haben den Flughafen von Baku technisch gesichert und modernisieren veraltete sowjetische Panzer.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Laut einem \u00abForeign Policy\u00bb-Bericht von 2012 unterh\u00e4lt Israel in Sitalcay, rund 50 Kilometer nordwestlich von Baku und damit weniger als 200 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt, eine Luftwaffenbasis. Unter Kennern in Israel gilt es zudem als ausgemacht, dass die Agenten des Mossad die Dokumente \u00fcber das Atomprogramm, die sie vor zwei Jahren <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/netanyahu-enthuellung-beweist-keinen-verstoss-des-irans-ld.1382214\">den Iranern unter der Nase wegstahlen<\/a>, erst einmal nach Aserbaidschan in Sicherheit brachten.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-left wp-block-heading\">Erdogan als Bundesgenosse<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Mit Armenien hingegen tut man sich schwer. Der Historiker Benny Morris findet im Gespr\u00e4ch drei Gr\u00fcnde daf\u00fcr. Zum einen den \u00ablatenten armenischen Antisemitismus\u00bb, der sich ebenso wie der christliche hartn\u00e4ckig halte und unvorteilhaft kontrastiere mit dem \u00abentspannten Verh\u00e4ltnis\u00bb der Aseri zum Judentum. Zweitens die \u00abbesch\u00e4mende Tatsache\u00bb, dass <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/feuilleton\/israel-hat-bis-heute-den-osmanischen-genozid-an-den-armeniern-nicht-anerkannt-ld.1506071\">die israelische Regierung den armenischen Genozid bis heute nicht als solchen bezeichnen wil<\/a>l. Und drittens die N\u00e4he Erewans zu Putin, dem die Israeli nicht trauen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Die t\u00e4tige Hilfe Israels f\u00fcr Aserbaidschan hat eine weitere groteske Konsequenz. Sie r\u00fcckt den Staat der Juden faktisch an die Seite der T\u00fcrkei, die dem Regime in Baku aufs Engste verbunden ist. \u00abEine Nation, zwei Staaten\u00bb, pflegte Haidar Alijew, der Vater des heutigen Pr\u00e4sidenten, zu sagen. Israel im Bund also mit der T\u00fcrkei Erdogans, der Netanyahu einen \u00abHitler\u00bb nannte und der f\u00fcr den israelischen Regierungschef ein \u00abSchl\u00e4chter\u00bb ist? Das Klima zwischen Ankara und Jerusalem, vor 15 Jahren noch recht heiter, hat sich getr\u00fcbt. Man streitet \u00fcber alles, wor\u00fcber sich streiten l\u00e4sst: \u00fcber die Behandlung der Pal\u00e4stinenser, den Status Jerusalems, das Erdgas im Mittelmeer und die L\u00f6sung des Konflikts in Libyen, wo Erdogan ebenfalls erfolgreich eingegriffen und Tripolis zum Sieg \u00fcber den Warlord Khalifa Haftar verholfen hat. Israel hat Haftar unterst\u00fctzt. Nun, in Nagorni Karabach, sind aus Feinden Waffenbr\u00fcder geworden.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-left wp-block-heading\">Moral contra Realpolitik<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Nicht nur bei Armeniern, auch unter Juden st\u00f6sst der Sukkurs f\u00fcr Baku auf Protest. Noam Chomsky glaubt, Israel sei nur am Waffenverkauf interessiert. \u00abSie verkaufen sie jedem, egal, wen sie t\u00f6ten.\u00bb Das wiederum will Benny Morris nicht gelten lassen. Er sieht die Realpolitik am Werk, eine Kraft, die die \u00abWelt der Moralit\u00e4t\u00bb in diesem Fall eben \u00fcberlagere. Israel gehe es in erster Linie um geostrategische Interessen, erst danach ums Geld. \u00abNetanyahu will einen Horchposten an der iranischen Grenze.\u00bb Doch Erkl\u00e4rung ist f\u00fcr Morris nicht gleich Entschuldigung. Armenier und Juden seien \u00abals Opfer verbr\u00fcdert\u00bb, sagt er. Wenn es ein Volk gebe, das israelische Sympathie verdiene, seien es die Armenier. Zusammen mit 13 weiteren Intellektuellen hat Morris eine Petition unterzeichnet, in der die Regierung aufgefordert wird, die Waffenlieferungen an Aserbaidschan einzustellen. Sie hat nichts bewirkt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Netanyahu wird all dies nicht anfechten. Im Oktober hat das Oberste Gericht eine Motion abgewiesen, mit welcher der Menschenrechtler Elie Yossef Waffenlieferungen an Baku verbieten lassen wollte. Einen \u00abAufschrei der Emp\u00f6rung\u00bb der Massen hat es auch nicht gegeben. Was interessiert, sind die Corona-Pandemie, die Abwahl Trumps und die Skandale Netanyahus. Aserbaidschan ist fern. Zudem h\u00e4ngen von der Waffenindustrie viele Arbeitspl\u00e4tze ab.<\/p>\n\n\n\n<h5 class=\"has-text-align-left wp-block-heading\">Ein Muster mit einigem Wert<\/h5>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\">Legt man die moralische Brille beiseite, wird zudem ersichtlich, dass Israel zwar fragw\u00fcrdig, aber strategisch konsequent agiert. Gesch\u00e4fte mit islamischen Nationen sind weder ein Tabu noch neu. <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/wirtschaft\/missachtete-boykotte-israels-diskreter-handel-mit-den-muslimen-ld.146178\">Seit Jahrzehnten handelt Israel mit der muslimischen Welt<\/a>, zur Freude und zum Vorteil aller Beteiligten. Mit \u00c4gypten und Jordanien hat man Frieden geschlossen, die Normalisierungsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und dem Sudan k\u00f6nnten Mentalit\u00e4ten, Allianzen und schliesslich sogar die Landkarte des Nahen Ostens ver\u00e4ndern. Warum sollte da Aserbaidschan abseitsstehen? Der r\u00fchrige <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/israel-muslimische-staaten-wenden-sich-ehemaligem-erzfeind-zu-ld.1451903\">Rabbiner Mark Schneier<\/a> erkl\u00e4rte bereits im Januar 2019, dass sich Israel und die Araber eigentlich bestens verst\u00fcnden. Nun sieht er sich best\u00e4tigt und sagt, es sei just diese Sonderbeziehung zu Baku gewesen, die als Muster gedient habe f\u00fcr die Abkommen mit den Golfarabern und dem Sudan. Auch das Lob der Amerikaner ist Netanyahu gewiss. Seit den fr\u00fchen neunziger Jahren ermutigt Washington die israelisch-aserbaidschanisch-amerikanische Entente. Das wird sich auch unter Joe Biden nicht \u00e4ndern.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-left wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/international\/karabach-konflikt-israels-sonderbarer-bettgenosse-aserbaidschan-ld.1588251\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.nzz.ch\/international<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jerusalem hat Entscheidendes zum Sieg Bakus im Konflikt um Nagorni Karabach beigetragen. 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