Stellvertreter-Krieg? Der IS sickert in den russischen Kaukasus ein

Redaktion kopp-verlag.de

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verstärkt ihre Präsenz und Aktivitäten in der Kaukasus-Region innerhalb des Territoriums Russlands. Am 23 Juni 2015 meldete der IS die Errichtung eines neuen Gouvernements mit Namen Wilayat Qawqaz im russischen Nordkaukasus, nachdem zuvor einige hochrangige Militante in der Region dem IS Treue geschworen hatten.

Seit spätestens Januar dieses Jahres ging der IS daran, die Voraussetzungen für die Errichtung dieses neuen Gouvernements zu schaffen. Nachdem zunächst am 21. Juni über den Kurznachrichtendienst Twitter eine Audio-Erklärung in russischer Sprache verbreitet worden war, in der IS-Unterstützer aus den Regionen Dagestan, Tschetschenien, Inguschetien und die Karbadino-Balkarien sowie Karatschai dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi die Treue geschworen hatten, wurde das neue Gouvernement offiziell ausgerufen.

Diese Regionen bilden vier der sechs Unterbezirke, aus denen sich das mit al-Qaida verbundene Terrornetzwerk Islamisches Kaukasus-Emirat (IKE) unter Führung von Ali Abu Muchammad al-Dagestani zusammensetzt.

Die Kämpfer dieses Terrornetzwerkes in den vier genannten Bezirken verüben die meisten Anschläge in der GUS, um ihr erklärtes Ziel der Errichtung eines Kaukasus-Emirates auf der Grundlage der Scharia und der Führung eines weltweiten Dschihad zu erreichen.

Die beiden Unterbezirke, die bisher dem IS formell noch nicht die Treue geschworen haben, sind Tscherkessien und die Nogay-Steppe. Die Zunahme der Präsenz des IS in der russischen Kaukasusregion überschneidet sich mit einer deutlichen Schwächung des IKE. Im April 2015 töteten russische Sicherheitskräfte den damaligen IKE-Anführer Aliaschahab Kebekow. Die Zerschlagung des IKE eröffnete dem IS neue Möglichkeiten, die Kontrolle über versprengte IKE-Kräfte in der Region zu übernehmen. Es ist davon auszugehen, dass sich in naher Zukunft die Mehrheit der aktiven IKE-Kämpfer dem IS gegenüber loyal erklären werden.

Die russische Führung ist sich dieser Bedrohungslage völlig bewusst und plant präemptive Schläge gegen IS-Kämpfer. Die Regierung hat bereits ihre Sicherheitsbemühungen im Inland und der Region verstärkt, nachdem es im Dezember 2014 zu einem Gefecht gekommen war, das islamische Militante gegen Regierungskräfte in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny vom Zaun gebrochen hatten.

Das IKE stellte bereits einige Jahre lang eine erhebliche Bedrohung der russischen Sicherheit dar. 2010 begann Moskau dann, massiv gegen das IKE vorzugehen, um es zu zerschlagen. Seit Beginn dieser noch immer anhaltenden Bemühungen gingen die Anschläge in Russland bereits um 30 Prozent zurück. Bei der umfangreichen Operation zur Terrorbekämpfung wurden viele Terroristen entweder gefangengenommen oder getötet. Die Entwicklungen im Kaukasus könnten Russland auch dazu veranlassen, sein Eingreifen in Syrien und im Irak in den Regionen, in denen gegen den IS gekämpft wird, auszuweiten. So stattete Moskau vor Kurzem die irakischen Sicherheitskräfte mit neuen russischen Panzerabwehrraketen aus.

Bei der Ausrufung des neuen Gouvernements Wilayat Qawqaz könnte es sich vielleicht mehr um eine öffentlichkeitswirksame Maßnahme zur Hebung der Moral handeln, als um eine Absichtserklärung, die auf anstehende militärische Operationen hindeutet. Allerdings hat der IS im vergangenen Jahr wiederholt sein Interesse am Kaukasus erkennen lassen. Im Irak und in Syrien kämpft ein großes Kontingent Tschetschenen für den IS, und es wurde wiederholt Propaganda in russischer Sprache verbreitet, die die Bevölkerung dazu aufrief, dem IS die Treue zu schwören. Insgesamt gesehen ermöglichen das Treuegelöbnis weiter Teile des IKE und das Ausrufen der Gouvernements Wilayat Qawqaz dem IS, seine anhaltende Expansion zu festigen und sich zu Lasten al-Qaidas, des russischen Staates und der internationalen Anti-IS-Koalition als bisher ungebrochen und dynamisch zu präsentieren.

Der IS und seine Unterstützer verfolgen das Ziel, in Eurasien Zonen der Instabilität zu errichten und Russland in einen sich zunehmend verschärfenden Konflikt in der Region des Nahen und Mittleren Ostens hineinzuziehen. Aus diesem Grunde ist damit zu rechnen, dass die Hauptstoßrichtungen der Angriffe aus Afghanistan heraus gegen Zentralasien und aus dem Irak heraus gegen die Kaukasus-Region verlaufen werden. Auf diese Weise will man die Kontrolle über die reichen Ölfelder des

kaspischen Südens übernehmen, den Iran destabilisieren und Unruhe bis in die Bergregionen des Kaukasus verbreiten. Die Kräfte des Islamischen Staates im Kaukasus werden dabei dazu eingesetzt werden, russische Kräfte zu binden, während der IS in Richtung Norden bis zum Kaukasus und das Kaspische Meer vordringen will.

Ein weiteres Pulverfass in dieser sich ausbreitenden Krise im Kaukasus ist Armenien. Seit dem 23. Juni wird das Land von massiven Protesten erschüttert. Grund für die Ausschreitungen sind die Energiepreiserhöhungen seitens der Regierung. Zu den Hauptsprachrohren des Protestes gehört der Fernsehsender Gala TV, der von der amerikanischen »Stiftung« National Endowment for Democracy (NED) und vor Ort tätigen Mitarbeitern von Radio Liberty unterstützt wird. Radio Liberty wurde während des Kalten Krieges als Teil einer umfangreichen Operation psychologischer Kriegsführung durch die CIA gegründet.

Aktivitäten seitens von den USA unterstützter und finanzierter Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und die westliche Diplomatie in der Region gehören ebenfalls zu wichtigen Faktoren der Destabilisierung. Der unverhohlene Einsatz bekannter sozialer, politischer und von Internet-Technologien, die schon bei zahlreichen sogenannten »Farbenrevolutionen« in anderen früheren Republiken der Sowjetunion zum Einsatz kamen, könnte zu weiteren sozialen Spannungen und Unruhen führen.

Sollte es zu »erfolgreichen« farbigen Revolutionen oder anderen Formen des Chaos in Armenien kommen, werden auch im Südkaukasus aufgrund der Lage in der Region Bergkarabach massive Unruhen ausbrechen. Die Republik Bergkarabach (NKR), die von der Republik Armenien unterstützt wird, war als Folge des Krieges in Bergkarabach zwischen der armenisch-stämmigen Mehrheit dort und der Republik Aserbaidschan entstanden. Der Krieg endete 1994 mit einem Waffenstillstand. Heute zählt der Konflikt in Bergkarabach zu einem der verschiedenen »eingefrorenen« Konflikte auf dem Territorium der früheren Sowjetunion.

Die Eskalation der Lage zeichnete sich bereits seit Herbst 2014 ab. Allein seit dem 20. März dieses Jahres wurden bis zu 20 armenische Soldaten in Auseinandersetzungen mit aserbaidschanischen Streitkräften getötet. Sollte es zu einer »farbigen Revolution« in Armenien kommen, würde der Konflikt im Zusammenhang mit der MKR reaktiviert und die Kampfhandlungen zwischen Armenien und Aserbaidschan würden wieder aufgenommen.

Darüber hinaus darf man die Versuche der USA, Georgien zu einer aggressiven militaristischen Politik in der Region zu ermutigen, nicht außer Acht lassen. Die Hauptstoßrichtung einer militärischen Eskalation in dieser Region sind die Republik Südossetien und die Republik Abchasien.

Georgien hatte bereits 2008 bittere Erfahrungen mit einem militärisch aggressiven Vorgehen gegen die Republik Südossetien gemacht. Auf Druck der USA könnte Georgien versuchen, die Unterstützung für Terrorgruppen im Nordkaukasus auszuweiten, wie es bereits unter dem früheren Präsidenten Micheil Saakaschwili, der jüngst vom ukrainischen Präsidenten Poroschenko zum Gouverneur des Oblast Odessa ernannt wurde, der Fall gewesen war. Den USA bereitet die Aussicht, Georgien könnte aufgrund dieser Strategie zu einer von Terroranschlägen heimgesuchten Region werden, keinerlei Kopfzerbrechen.

Zugleich sind wir Zeuge, wie die USA in bekannter Weise versuchen, Chaos in der Welt zu verbreiten. Der sogenannte Westen, angeführt vom amerikanischen Regime, lenkt die Aggressionen des Islamischen Staates in die von den USA gewünschte Richtung, während die Gesamtregion in

zerstörerischem, politischem Chaos versinkt. Im vorliegenden Fall ist der Islamische Staat nur der Vollstrecker des von den USA seit Langem geplanten und vorbereiteten Prozesses. In Georgien und Armenien entstand bereits ein umfangreiches Netz westlicher »gemeinnütziger« Organisationen. Zahlreiche westlicher Einflussagenten wurden fest in den Regierungsbehörden verankert.

Die lokalen Eliten hängen weitgehend von den USA ab, und ihre Finanzmittel werden vom Westen aufgebracht. Sie haben es also nicht nötig, im Sinne tatsächlicher Bürgerbewegungen die Interessen der Bevölkerung zu berücksichtigen. Die so entstandene Situation gehört zu einem auf Zerstörung und Zerschlagung angelegten strategischen Plan, der sich gegen Eurasien richtet. Gegenwärtig besteht das Ziel darin, in der strategisch wichtigen Region Kaspisches-Meer-Kaukasien-Schwarzes-Meer eine Zone des permanenten Chaos zu errichten. Der Islamische Staat fungiert dabei als eine Art Zünder für bereits vorbereitete Explosionsherde.

 

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