Viele Armenier verlassen in diesen Tagen Bergkarabach. Einer bleibt und zeigt sich trotz des Kriegsausgangs nicht gebrochen. Damit spricht er vielen aus der Seele.

Pater Ter Hovhannes Hovhannesyan will bleiben, obwohl in diesen Tagen seine Welt um ihn herum zerbricht. Seine armenischen Landsleute räumen ihre Häuser, decken die Dächer ab – was zurückbleibt, verbrennen sie. Nicht ein Stein soll mehr auf dem anderen stehen, wenn Aserbaidschan in diesen Tagen die Kontrolle über große Teile Bergkarabachs übernimmt.

Seit fast 30 Jahren lebt der Pater in Bergkarabach – der Region, wegen der sich Aserbaidschan und Armenien in den vergangenen Wochen zum wiederholten Male bekriegt haben. Die De-facto-Republik Bergkarabach wird seit Langem überwiegend von Armeniern bewohnt, in einer UN-Resolution wurde das Gebiet bis zu einer endgültigen Lösung des Konflikts Aserbaidschan zugesprochen. “Die Armenier wollen ihre Häuser nicht dem Feind überlassen”, sagt Hovhannes. “Sie haben sie mit eigenen Händen Stein für Stein erbaut, nun zerstören sie sie mit einem tiefen Schmerz”.

 
Sein Zuhause ist das Kloster Dadivank. Im Mittelalter erbaut, ist es ein zentrales Symbol der armenischen Kirche – auch weil es zeigt, wie lange die christliche Tradition schon in der Region verankert ist. Hovhannes hat dem Kloster in den vergangenen Jahren zu neuem Glanz verholfen. Als er es 2006 übernommen hat, war es in keinem guten Zustand, erzählt er. Noch in Zeiten der Sowjetunion seien auf dem Gelände Tiere gehalten worden. Er entdeckte, dass sich unter der schmutzigen Fassade Malereien befanden. In mühseliger Arbeit richtete er die Gebäude wieder her, 2015 erst wurden sie dann mithilfe von Investoren und Freiwilligen aufwendig restauriert. Auf Facebook präsentiert er sein Kloster der Welt. Dort ist auch er zu sehen, in schwarzer Kutte, mit Kreuzanhänger, grauem Bart und entschlossenem Blick.

Christliche Symbole werden in Sicherheit gebracht

Mit dem Krieg geht den Armeniern nun nicht nur dieses Kloster, sondern auch ein großer Teil der Region Bergkarabach verloren. Der Pater traut den “Vandalen”, so nennt er die Aserbaidschaner, zu, alles zu zerstören. So wie er denken viele: In der gesamten Region wurden bereits Kirchen leergeräumt und die christlichen Symbole in Sicherheit gebracht. Wie real diese Angst ist, darüber lässt sich nur mutmaßen. Allerdings berichten Menschenrechtsorganisationen von Kriegsverbrechen auf beiden Seiten, wobei Aserbaidschan deutlich mehr begangen haben soll. Unter anderem sind armenische Gefangene öffentlich hingerichtet worden, außerdem hat sich Aserbaidschan offenbar von syrischen Söldnern unterstützen lassen.

Auch Hovhannes hat zunächst Chatschkars, sogenannte Gedächtnissteine mit kunstvollen Fräsungen und einem Kreuz in der Mitte, aus seinem Kloster geschafft. Dann geschah nach Tagen des Bangens ein kleines Wunder: Russische Friedenstruppen werden das Kloster bewachen und dessen Fortbestand garantieren – zumindest für die kommenden fünf Jahre. Was danach passiert, ist ungewiss.

Der Pater mit der Kalaschnikow

Der Pater hat in den vergangenen Tagen viele Interviews gegeben, in Armenien ist er bekannt. Das liegt an seiner Hingabe für das Kloster. Noch bevor nun klar war, dass die Russen es beschützen werden, hatte er bereits den Beschluss gefasst, dort zu bleiben. Er wolle die Schönheit des Ortes bewahren. “Die Kirche gehört Gott und soll für immer der christlichen Welt gehören”, sagt er.

Er ist auch bekannt für seinen Kampfeswillen. Dabei greift er teils zu drastischen Botschaften, die auch in Armenien umstritten sind: Am 10. November, nachdem Armenien und Aserbaidschan unter der Schirmherrschaft von Russland und der Türkei das Friedensabkommen unterzeichnet hatten, bezichtigt er den Premier Nikol Paschinjan auf seinem Facebook-Profil als Verräter. Dazu posierte er auf einem Bild mit einer Kalaschnikow, zum wiederholten Mal. 

Gegenüber westlichen Medien äußert er sich zwar moderater, seine Botschaft aber ist klar: “Ich werde dieses Kloster nicht zurückgeben”. Der Geistliche, der selbst Anfang der 1990er noch als Student im Krieg um Bergkarabach gekämpft hat, zeigt sich trotz des Ausgangs des Krieges nicht gebrochen – und spricht damit vielen Armeniern aus der Seele.

Mehr: https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/

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