Helmut Donat

Das armenische Volk ist eines der ältesten christlichen Kulturvölker. Bei kaum einem anderen Volk haben sich die Leiden im Laufe seiner Geschichte so gehäuft. Es ist beständig ein Spielball der Großmächte gewesen. Byzantiner und Perser, Araber und Türken haben es wechselweise unterjocht und misshandelt. Dennoch ist Armenien nicht untergegangen. Es hat sich seit zwei Jahrtausenden erhalten und ist nach wie vor ein Kulturfaktor – ein Zeichen einer unverwüstlichen Lebenskraft, wie wir sie kaum bei einem anderen Volke finden.

Ich habe von Armenien zum ersten Mal etwas als Schüler gehört. Ich war 12 oder 13 Jahre alt,
als mein Lehrer im Geographieunterricht erklärte, dass der Ararat der höchste Berg im Kauka-
sus sei und dort deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg gekämpft hätten. Dann sagte er: „Ein
Jude haut zehn Araber übers Ohr, aber ein Armenier haut zehn Juden übers Ohr.“ Das war alles.
Kein Wort von der Kultur, Landschaft oder gar von dem Völkermord. Der Mantel des Schwei-
gens, den die kaiserliche Regierung einst über das Schicksal des armenischen Volkes ausbrei-
tete, um den türkischen Bündnispartner nicht zu belasten, funktionierte also noch lange nach
dem Zweiten Weltkrieg.

Es hat fast zwanzig Jahre gedauert, bis ich wieder etwas über Armenien hörte. Ich wirkte damals
an dem von Karl Holl herausgegebenen Manuskript des Bremer Pazifisten Ludwig Quidde über
„Die Geschichte des deutschen Pazifismus während des Ersten Weltkrieges“ mit. Zu meinen
Aufgaben gehörte die Erläuterung von Sachverhalten, die dem heutigen Leser nicht geläufig
sind. So sprach zum Beispiel die Generalversammlung der Deutschen Friedensgesellschaft im
November 1915 in Leipzig „ihre Sympathie allen unterdrückten und misshandelten Völkern
aus, insbesondere den Armeniern und russischen Juden“. Mir war nicht klar, um was es ging,
lediglich die Erinnerung an meinen Geographielehrer stellte sich ein. Also begann ich zu re-
cherchieren – und wurde mit schrecklichen Ereignissen konfrontiert. Nicht auf den Schlacht-
feldern von Verdun, sondern „hinten, fern in der Türkei“ war das blutigste Kapitel des Ersten
Weltkrieges geschrieben worden. In überaus grausamer Weise sind 1915/16 über eine Million
Armenier zu Tode gemartert worden; sie waren Opfer einer planmäßigen Ausrottung und sys-
tematischen Ausmordung. Dreißig Jahre war ich damals alt, aber weder in der Schule noch
sonst wo hatte ich jemals etwas über den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts gehört. Ich emp-
fand mich irregeführt, war empört, schwor mir, etwas dagegen zu tun, und begann, mich zu
informieren, stöberte in Antiquariaten herum, las in alten Zeitungen, fand Dokumentensamm-
lungen und richtete in meiner Bibliothek eine „armenische Ecke“ ein. Als ich ein paar Jahre
später mit dem Verlegen von Büchern anfing, gehörten dazu von Beginn an Werke, Broschüren
und Schriften über Armenien. Ebenso haben viele andere dazu beigetragen, das fortwirkende
Tabu zu durchbrechen.

Seither sind viele Jahre ins Land gegangen, und heute können wir sagen, dass die deutsche
Öffentlichkeit ein wenig besser über das Schicksal Armeniens informiert ist als vor zwanzig
Jahren. Aber es ist längst nicht genug. Noch immer gibt es viele, die nicht wissen, welche Ver-
brechen 1915/16 begangen worden sind. Noch immer leugnet die offizielle Türkei die Untaten
ihrer Vorfahren. Das ist eine schlimme Sache. Denn solange sich die Regierung der Türkei
schützend vor die Täter stellt, identifiziert sie sich mit der Anwendung von Gewalt und der
Ausrottungsstrategie gegenüber einer Minderheit. Statt den Opfern ihre Würde und Unschuld
zurückzugeben, erklärt man sie weiterhin zu gefährlichen Subjekten – millionenfach und
gleichgültig, ob Kinder, Frauen, Greise oder Unschuldige davon betroffen waren. Und es ist ein

alarmierendes Zeichen, wenn der türkische Regierungschef Erdogan 2010 im Zusammenhang
mit neuen Resolutionen über den Völkermord von 1915 damit droht, 100000 Armenier aus der
Türkei auszuweisen, mit anderen Worten: erneut zu vertreiben.

Und wie hat die deutsche Regierung darauf reagiert? Sie tat, was sie in solchen Situationen
schon immer getan tat: sie hat zur Ankündigung solchen Frevels geschwiegen – aus Rücksicht-
nahme auf den türkischen Partner. Zwar hat der Deutsche Bundestag vor einigen Jahren zu den
Massakern und Gräueltaten von 1915/16 Stellung bezogen, doch dabei tunlichst vermieden,
von einem „Völkermord“ zu reden. Dabei stünde doch gerade uns Deutschen eine solche mo-
ralische Verpflichtung zu. Zu viele deutsche Regierungen haben geschwiegen, sich herausge-
redet oder in die Büsche geschlagen, wenn es darum ging, den Opfern Gerechtigkeit widerfah-
ren zu lassen und die Täter beim Namen zu nennen. Wir wollen das nicht und erwarten von der
deutschen Regierung, dass sie die Türkei zu einer Erklärung auffordert, die den Schutz der
armenischen Minderheit garantiert – unabhängig davon, ob in anderen Ländern Resolutionen
verabschiedet werden oder nicht. Es ist nicht akzeptabel, dass die Türkei ihre Interpretation von
Geschehnissen, die mehr als hundert Jahre zurück liegen, zum Anlass nimmt, um eine Minder-
heit in ihrem Land mit Daumenschrauben zu behandeln und Menschen für Dinge bestraft, die
sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Solche Landknechtsmethoden haben in der Eu-
ropäischen Union nichts zu suchen.

In der Bundesrepublik Deutschland leben etwa 50000 bis 80000 Armenier. Sie sollen wissen,
dass ich ihnen die Hand reiche, mich neben und vor sie stelle, wenn – von welcher Seite auch
immer – versucht wird, die öffentliche Meinung irrezuführen und man die an ihrem Volk be-
gangenen Verbrechen ihren Großvätern und Urgroßvätern in die Schuhe schieben will. Und sie
sollen wissen, dass ich mich nicht in eine Traditionslinie mit jenen Deutschen stellen, die aus
Bündnistreue zur Türkei die Wahrheit und das Recht preisgegeben und die freie Meinungsäu-
ßerung unterbunden haben. Ich bin dafür von Türken in Bremen tätlich angegriffen, und meine
Bücher über den Völkermord sind vom Tisch gefegt worden. Auch und gerade deshalb werde
ich nicht nachlassen, daran zu erinnern, was war und nie wieder geschehen darf, und zugleich
vor Augen führen, dass „Vergessen, Schweigen und Gleichgültigkeit“ – gestern wie heute und
wie es Tessa Hofmann einmal deutlich ausgesprochen hat – „Hilfsmittel von Verbrechen“ sind.
Niemand ist von den heute Lebenden für die Bluttaten von 1915/16 verantwortlich zu machen.
Wer sich aber erneut und weiter schützend vor die damalige jungtürkische Regierung stellt und
den Völkermord leugnet, muss sich die Frage gefallen lassen, wie er denn heute zur Verletzung
von Menschenrechten steht, wenn er vor den in der Vergangenheit millionenfach begangenen
die Augen verschließt oder diese nicht wahrhaben will? Die Würde des Menschen zu achten,
gilt ebenso für die Vergangenheit wie für die Gegenwart. Und wer sich in die Niederungen von
Traditionen begibt, die mit Gewalt, Tod und Ausrottung verbunden gewesen sind, arbeitet jenen
Kräften in die Hände, die es heute wie morgen mit der Achtung des Menschenwürde längst
nicht so ernst nehmen, wie sie es vorgeben.

Der bedeutende liberale türkische Politiker Kemal Midhat Bei, einst Chef der liberalen Partei
und Enkel von Ahmed Çefik Midhat Paschas, des sogenannten „Vaters der ottomanischen Kon-
stitution“ erklärte im Januar 1918 in einem Aufruf zu den blutigen Ereignissen der Jahre 1915
und 1916: „Zur Rechtfertigung aller dieser Verbrechen hat die türkische Regierung mehr als
eine Broschüre voll zynischer Verlogenheit gegen die Armenier veröffentlichen lassen. Denn
nach all diesem Mord an Frauen und Kindern war es notwendig, alle möglichen Anklagen ge-
gen das unglückliche armenische Volk zu erfinden. Zugegeben, dass es auch unter den Arme-
niern einige gab, sie sich Vergehen schuldig gemacht haben; dann wäre es Pflicht der Regierung

gewesen, sie ausfindig zu machen und nach den Gesetzen des Landes zu bestrafen. Jedoch we-
gen einiger weniger Revolutionäre – wenn es überhaupt welche gab – mehr als eine Million
friedlicher, sich ihrer vollkommenen Unschuld bewusster Bewohner und Mitbürger einfach zu
ermorden oder zu deportieren, zu plündern und dann abzuschlachten, das ist eine Tat, die mit
keinen Worten zu bezeichnen ist, und die wir liberalen und wahrhaft patriotischen Türken in
tiefster Seele verdammen, die auch unsere mohammedanische Religion aufs allerenergischste
verurteilt.“

Armenien befindet sich heute in einer schwierigen und ernsten Lage. Ende März 2022 hat Aser-
baidschan in der von Armeniern bewohnten Exklave Berg-Karabach das Waffenstillstandsab-
kommen gebrochen und ist in den Bereich der von Moskau entsandten Friedenstruppen vorge-
drungen. Bei Drohnenangriffen hat es Tote und Verletzte gegeben. Es steht zu befürchten, dass
Aserbaidschan die momentane Schwäche Russlands ausnutzen will und einen größeren Angriff
vorbereitet. Während Frankreich sich zu den Zwischenfällen geäußert hat, schweigt die deut-
sche Diplomatie und lässt die Armenier wieder einmal im Regen stehen. Die deutsche Außen-
ministerin Baerbock hat bislang nichts getan; sie ist zu sehr damit beschäftigt, die neuerliche
Russophobie anzustacheln, und erklärt, Russland „ruinieren“ zu wollen. Wie soll da noch Zeit
bleiben, einem geschundenen Volk, von Deutschland im Ersten Weltkrieg im Stich gelassen,
beizustehen? Erneut auf sich allein gestellt, dürfte Armenien auch damit zu Rande kommen.
Seine Geschichte, Religion, innere Kraft und sein Vertrauen auf sich selbst werden ihm dabei
helfen. Und in einem bin ich mir ganz sicher: Niemand wird diesem Volk jemals seinen Stolz
und seine Würde nehmen können.

Armenien ist kein „steinreiches“, sondern eher ein an Steinen reiches Land. Als Deutsche helfen
wir ihm allein schon dadurch, wenn wir uns mit seinem großen Erbe vertraut machen, seiner
Literatur, Musik, Dichtung und Kultur, seinen Menschen und seinem südländisch anmutenden
Temperament, das Alexander Puschkin diesem – wie er es nannte – „wunderbaren Volk“ zuge-
sprochen hat.

Wo einst Noah mit seiner Arche gestrandet sein und als erster einen Weinberg angelegt haben
soll, am Ararat, dem heiligen Berg der Armenier, ist das Land heute von Weinreben bedeckt.
Und trotz aller Unbill, Unterjochung und Misshandlung hat es sich stets seine Heiterkeit be-
wahrt, die sicher nicht nur im Geist des Weines liegt, der vor allem als Cognac Weltberühmtheit
erlangte – auch wenn Maxim Gorki einmal gesagt haben soll: „Es ist leichter, den Berg Ararat
zu besteigen, als aus dem „Ararat“-Keller [der Jerewaner Cognac-Fabrik] hinaufzukommen.“
Und wie schon für Ossip Mandelstam ist Armenien auch für Andrej Bitow ein Land, das gele-
sen werden will. Hier hat die Geschichte, schreibt er in seinen „Armenischen Lektionen“, „kei-
nen Anfang – sie ist immer schon dagewesen. Kein Dorf, das nicht in grauer Vorzeit einmal
Hauptstadt eines alten Staates gewesen wäre, kein Hügel, unweit dessen sich nicht eine Ent-
scheidungsschlacht abgespielt hätte, kein Stein, über den nicht Blut geströmt wäre, und kein
Mensch, den das gleichgültig ließe.“

Ich habe mich einfangen lassen von der Lebendigkeit und Eigentümlichkeit der Geschichte und
Kultur eines Volkes, das, wie es die armenische Lyrikerin Silwa Kaputikj an einmal verdeutlicht
hat, „in Jahrhunderte langen Prüfungen die Weisheit erworben hat, Ohnmacht in Tapferkeit zu
wandeln, in der Verzweiflung Kraft zu schöpfen und sich aus dem Kreislauf der Ungerechtig-
keiten zu einer höheren Gerechtigkeit aufzuschwingen.“ Ähnlich formulierte es der russische
Literat Valerij Brjussow. In dem Vorwort zu der von ihm 1916 herausgegebenen „Poesie Ar-
meniens“ heißt es: „Durch die düsteren Wolken, die schon so oft den Horizont der armenischen

Geschichte verdunkelt haben, durch drohende und erstickende Finsternis, die schon so oft das
Leben des armenischen Volkes erstarren ließ, brachen immer wieder – und sie leuchten auch
heute – sieghaft die flammenden Strahlen seiner Poesie hervor.“ So ist es, und so wird es blei-
ben -jetzt, hier und immerdar.

http://www.donat-verlag.de/buch-kategorie.php?id=13

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Foto:https://www.theeuropean.de/helmut-donat/

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