Morgenlandfestival Osnabrück – Ein einziges Lamento

Das armenische Gurdjieff-Ensemble aus Jerewan (Alber Babelon/Morgenlandfestival)

Das armenische Gurdjieff-Ensemble aus Jerewan (Alber Babelon/Morgenlandfestival)

Aus aktuellem Anlass steht die Musik Armeniens im Mittelpunkt des Elften Morgenlandfestivals Osnabrück. Grund zum Feiern gibt es da wenig, mehr zum Mahnen und Erinnern. Mit einem Lamento endet das Eröffnungskonzert mit dem Gurdjieff-Ensemble und Ibrahim Kevo.

Das Morgenlandfestival Osnabrück widmet sich in diesem Jahr allein der armenischen Musik. Anlass ist das 100. Gedenkjahr zum Völkermord an den Armeniern. Wir bringen in einer Aufzeichnung das Eröffnungskonzert aus der Marienkirche der Friedensstadt.

Im Fokus steht die Musik zweier bekannter armenischer Komponisten, von denen der eine – Komitas – direktes Opfer der osmanischen-türkischen Verfolgung wurde. Der zweite Künstler, Georges I. Gurdjieff (ca. 1866-1949) machte von sich in den 20er-Jahren als Esoteriker, Choreograf, Schriftsteller und Komponist reden. Er bereiste Armenien, den Kaukasus, aber auch Zentralasien, Nordafrika und Indien. Dabei sammelte er spirituelle Musik und Tänze. Er hat somit das armenische Kulturerbe universalisiert.

Der armenische Priester, Musikethnologe und Komponist Komitas (1869-1935) gilt als Begründer der armenischen komponierten Musik. Er sammelte nicht nur Tausende armenischer Volkslieder (und bewahrte sie vor dem Aussterben), sondern komponierte auch selbst. Er wurde zu Beginn des Genozids von der osmanischen Polizei verhaftet, gefoltert und mehrere Jahre gefangen gehalten. An den Spätfolgen der Haft starb er in der Psychiatrie im französischen Exil.

Das vielfach ausgezeichnete Gurdjieff-Ensemble hat die Werke beider Meister für die traditionellen Instrumente der Kaukasus-Region umgeschrieben und somit in einen Zustand der Neo-Authentizität versetzt. Das Ensembles besteht aus den für den östlichen Mittelmeerraum typischen Instrumenten, mehreren Spielern der armenischen Kunstmusik-Oboe Duduk, einer Flöte Blul, den auch aus der türkischen, persischen, kurdischen und arabischen Musik bekannten Instrumenten Ud (Laute), Kanun  und Santur (Trapezzithern), Kamancha (Spießgeige), Tar (Langhalslaute) und Dap (Rahmentrommel).

Neben den Werken der beiden Komponisten stehen auch noch zwei Stücke der legendären Troubadoure der armenischen Geschichte – ein Ashough ist ein epischer Dichter, der seine Verse zu mündlich überlieferten Melodien vorträgt. Ashough Jivani stammt aus der gleichen Stadt wie Gurdjieff, nämlich Gyumri. Ashough Sayat Nova war ein legendärer Künstler, dessen Ruhm im gesamten Kaukasus bis nach Persien verbreitet war.

Das Gurdjieff-Ensemble schafft mit diesen Klangfarben, der hohen Qualität seiner Darbietungen und der künstlerisch hochwertigen Aufbereitung der Kompositionen eine Atmosphäre von zeitloser und anspruchsvoller Schönheit. Die Klangwelten, die dabei entstehen, sind sicher auch nostalgisch und rufen Erinnerungen daran hervor, was hätte geschehen können, wenn der ”Orient” – das “Morgenland” – nicht in einen Kreislauf schlimmster Gewalttaten versunken wäre. Diese Gewalttaten dauern spätestens seit dem Völkermord an den Armeniern bis heute unvermindert an und haben schon unzählige Menschenleben und mit ihnen auch zahllose Lieder, Musikstücke und andere Kulturgüter zerstört.

Kein Land Europas und des Nahen Ostens kann von sich behaupten, an dieser andauernden Tragödie unschuldig zu sein. Der Abend endet nicht zuletzt deshalb mit einem Lamento – zu zwei Musikern des Gurdjieff-Ensembles gesellt sich für dieses auf Armenisch, Kurdisch und Arabisch gesungene Klagelied der aus seiner syrischen Heimat geflohene armenische Sänger Ibrahim Keivo. Er ist einer der größten Lieblinge des Morgenlandfestivals Osnabrück. Er beklagt in diesem aufwühlenden Gesang nicht nur die vielen Toten seiner Familie und seines Volkes vor einhundert Jahren, sondern auch den Verlust seiner eigenen Heimat. Schmerz ist kein adäquates Wort für die Gefühle, die Ibrahim Kevo hier zum Ausdruck bringt und die sich auch den Menschen in der ausverkauften Marienkirche in Osnabrück direkt vermittelt haben. Weinen allein reicht nicht, um diese Gefühle zu verkraften.

 

Morgenlandfestival Osnabrück

Sankt Marien

Aufzeichnung vom 22. Juli 2015

Georges Gurdjieff

Gebet

Dreineinigkeit

Gesang aus dem Heiligen Buch

Sayyed Gesang und Tanz Nr. 29

Armenisches Lied

 

Komitas Vardapet

Lorva Gutanerg

Zulo

Manushaki aus Vagharshapat

Yerangui aus Jerewan

Unabi aus Shushi

Marali aus Shushi

Shushiki aus Vagharshapat

Tsaghik Asem, Mani Asem

Ashough Jivani

Kankaravor Enker

 

Ashough Sayat Nova

Ashkharhes Meh Panjara E

 

trad.

Gorani und Tamzara

Gurdjieff-Ensemble:

Emmanuel Hovhannisyan, Duduk, Zurna

Norayr Gapoyan, Duduk, Bass-Duduk

Avag Margaryan, Blul

Armen Ayvazyan, Kamancha

Aram Nikoghosyan, Ud

Meri Vardanyan, Kanun

Vladimir Papikyan, Santur, Gesang, Dap

Davit Avagyan, Tar

Mesrop Khalatyan, Dap, Dhol

Arrangements und Leitung: Levon Eskenian

 

Lamento

Ibrahim Keivo, Gesang, Bouzouki

Avag Margaryan, Blul

Emmanuel Hovhannisyan, Duduk

www.deutschlandradiokultur.de

 

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