Jerusalem hat Entscheidendes zum Sieg Bakus im Konflikt um Nagorni Karabach beigetragen. Der Staat der Juden Seite an Seite mit Aserbaidschan und dessen Mentor, der Türkei – das sorgt für Irritation, nicht nur in Armenien.

Ulrich Schmid, Tel Aviv 25.11.2020

Aufmerksame Beobachter haben in den Tagen des Kriegs in Nagorni Karabach einen regen Flugverkehr zwischen dem südisraelischen Luftwaffenstützpunkt Ovda im Negev und der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku festgestellt. Die Folgerung liegt auf der Hand: Das Regime von Präsident Ilham Alijew hat sich in Israel für den Krieg gegen Armenien alimentiert, so, wie es das seit Jahren tut. Anscheinend mit Erfolg. Mit Waffen aus Israel und der Türkei hat Aserbaidschan Armenien eine vernichtende Niederlage zugefügt.

Drohnen als Verkaufsschlager

Obwohl sich die offiziellen Stellen in Israel in Schweigen hüllen, sind die Fakten nicht zu leugnen. Laut dem Stockholmer Institut Sipri war Israel in den letzten fünf Jahren der wichtigste Waffenlieferant Aserbaidschans, mit Verkäufen im Wert von 740 Millionen Dollar. Russland, das auch Armenien aufrüstet, folgt auf Platz zwei. Präsident Alijew sagte im Dezember 2016 vor Journalisten, sein Land habe bei israelischen Firmen «Verteidigungsausrüstung» im Wert von fast 5 Milliarden Dollar bestellt. Netanyahu sass neben Alijew und lächelte zufrieden. Der Verkaufsschlager der Israeli sind Drohnen, darunter die Harop des staatlichen Rüstungskonzerns Aerospace Industries. Sie wird auch als Kamikaze-Drohne bezeichnet, da sie im Ziel zur Explosion gebracht werden kann. An einer Militärparade in Baku wurden bereits 2015 israelische Drohnen gezeigt. Alijew bestätigte ihren Einsatz im Vier-Tage-Krieg im April 2016 und lobte ihre Treffsicherheit. 2018 waren Sturmgewehre des Typs Tavor zu sehen.

In Armenien hat das Verhalten Israels Empörung ausgelöst. Ministerpräsident Nikol Paschinjan wies ein Angebot aus Jerusalem, humanitäre Hilfe zu schicken, ab und unterstellte Israel, es mache in Aserbaidschan gemeinsame Sache mit «der Türkei, Terroristen und syrischen Söldnern». Der Präsident der international nicht anerkannten Republik Nagorni Karabach, Araik Arutjunjan, befand, Israel sei faktisch Komplize in einem Genozid. Wladimir Pogosjan, ein Berater des armenischen Generalstabs, stellte Israel und die Nazis auf dieselbe Stufe: «Das heutige Israel und das Deutschland von 1933 sind ein und dasselbe.» Anfang Oktober rief Erewan seinen Botschafter aus Tel Aviv zurück – nur zwei Wochen nachdem Armenien erstmals eine diplomatische Vertretung in Israel eingerichtet hatte.

Argwohn gegenüber Teheran

Man kann den Zorn der Armenier verstehen. Israel rüstet ein muslimisches Land auf? Ein Land, das die christlichen Armenier angreift, die Opfer des osmanischen Genozids? Und doch ist es so. Israel und Aserbaidschan vertragen sich seit dem Zerfall der Sowjetunion gut. Beide Länder empfinden Iran als existenzielle Bedrohung. Die Aseri sind zwar mehrheitlich Schiiten, aber ein Turkvolk. Teheran befürchtet, die rund 16 Millionen Aseri in Iran mit einem Bevölkerungsanteil von 24 Prozent könnten die Vereinigung mit dem Mutterland suchen. «Grossaserbaidschan» heisst das Schreckgespenst. Die südkaukasischen Aseri wiederum, in ihrer grossen Mehrzahl typisch postsowjetisch säkular bis areligiös, fürchten ähnlich wie die Juden den religiösen Fanatismus der Iraner. Mit den Theokraten in Teheran hat Alijew, die Inkarnation raffender, korrupter Weltlichkeit, allenfalls den antidemokratischen Machtinstinkt gemein. Demografisches kommt dazu. In Aserbaidschan leben laut jüdischen Organisationen bis zu 16 000 Juden, und zwar weitgehend unbehelligt.

Den Strategen in Jerusalem erschien das Land am Kaspischen Meer jedenfalls als idealer Bündnispartner. Israel hat früh die Unabhängigkeit Aserbaidschans anerkannt. Bereits im ersten Krieg um Nagorni Karabach lieferte Israel Waffen. 1992 wurden diplomatische Beziehungen aufgenommen, 1993 richtete Israel eine Botschaft in Baku ein. Aserbaidschan schickt Erdöl in Mengen, die mehr als einen Drittel des israelischen Bedarfs decken, Israel bedankt sich mit Waffen. Israel ist der fünftgrösste Handelspartner Aserbaidschans, seit Jahren gibt es Direktflüge zwischen Tel Aviv und Baku. Israelische Rüstungsbetriebe haben aserbaidschanische Spezialeinheiten und Bodyguards ausgebildet, sie haben den Flughafen von Baku technisch gesichert und modernisieren veraltete sowjetische Panzer.

Laut einem «Foreign Policy»-Bericht von 2012 unterhält Israel in Sitalcay, rund 50 Kilometer nordwestlich von Baku und damit weniger als 200 Kilometer von der iranischen Grenze entfernt, eine Luftwaffenbasis. Unter Kennern in Israel gilt es zudem als ausgemacht, dass die Agenten des Mossad die Dokumente über das Atomprogramm, die sie vor zwei Jahren den Iranern unter der Nase wegstahlen, erst einmal nach Aserbaidschan in Sicherheit brachten.

Erdogan als Bundesgenosse

Mit Armenien hingegen tut man sich schwer. Der Historiker Benny Morris findet im Gespräch drei Gründe dafür. Zum einen den «latenten armenischen Antisemitismus», der sich ebenso wie der christliche hartnäckig halte und unvorteilhaft kontrastiere mit dem «entspannten Verhältnis» der Aseri zum Judentum. Zweitens die «beschämende Tatsache», dass die israelische Regierung den armenischen Genozid bis heute nicht als solchen bezeichnen will. Und drittens die Nähe Erewans zu Putin, dem die Israeli nicht trauen.

Die tätige Hilfe Israels für Aserbaidschan hat eine weitere groteske Konsequenz. Sie rückt den Staat der Juden faktisch an die Seite der Türkei, die dem Regime in Baku aufs Engste verbunden ist. «Eine Nation, zwei Staaten», pflegte Haidar Alijew, der Vater des heutigen Präsidenten, zu sagen. Israel im Bund also mit der Türkei Erdogans, der Netanyahu einen «Hitler» nannte und der für den israelischen Regierungschef ein «Schlächter» ist? Das Klima zwischen Ankara und Jerusalem, vor 15 Jahren noch recht heiter, hat sich getrübt. Man streitet über alles, worüber sich streiten lässt: über die Behandlung der Palästinenser, den Status Jerusalems, das Erdgas im Mittelmeer und die Lösung des Konflikts in Libyen, wo Erdogan ebenfalls erfolgreich eingegriffen und Tripolis zum Sieg über den Warlord Khalifa Haftar verholfen hat. Israel hat Haftar unterstützt. Nun, in Nagorni Karabach, sind aus Feinden Waffenbrüder geworden.

Moral contra Realpolitik

Nicht nur bei Armeniern, auch unter Juden stösst der Sukkurs für Baku auf Protest. Noam Chomsky glaubt, Israel sei nur am Waffenverkauf interessiert. «Sie verkaufen sie jedem, egal, wen sie töten.» Das wiederum will Benny Morris nicht gelten lassen. Er sieht die Realpolitik am Werk, eine Kraft, die die «Welt der Moralität» in diesem Fall eben überlagere. Israel gehe es in erster Linie um geostrategische Interessen, erst danach ums Geld. «Netanyahu will einen Horchposten an der iranischen Grenze.» Doch Erklärung ist für Morris nicht gleich Entschuldigung. Armenier und Juden seien «als Opfer verbrüdert», sagt er. Wenn es ein Volk gebe, das israelische Sympathie verdiene, seien es die Armenier. Zusammen mit 13 weiteren Intellektuellen hat Morris eine Petition unterzeichnet, in der die Regierung aufgefordert wird, die Waffenlieferungen an Aserbaidschan einzustellen. Sie hat nichts bewirkt.

Netanyahu wird all dies nicht anfechten. Im Oktober hat das Oberste Gericht eine Motion abgewiesen, mit welcher der Menschenrechtler Elie Yossef Waffenlieferungen an Baku verbieten lassen wollte. Einen «Aufschrei der Empörung» der Massen hat es auch nicht gegeben. Was interessiert, sind die Corona-Pandemie, die Abwahl Trumps und die Skandale Netanyahus. Aserbaidschan ist fern. Zudem hängen von der Waffenindustrie viele Arbeitsplätze ab.

Ein Muster mit einigem Wert

Legt man die moralische Brille beiseite, wird zudem ersichtlich, dass Israel zwar fragwürdig, aber strategisch konsequent agiert. Geschäfte mit islamischen Nationen sind weder ein Tabu noch neu. Seit Jahrzehnten handelt Israel mit der muslimischen Welt, zur Freude und zum Vorteil aller Beteiligten. Mit Ägypten und Jordanien hat man Frieden geschlossen, die Normalisierungsabkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten, Bahrain und dem Sudan könnten Mentalitäten, Allianzen und schliesslich sogar die Landkarte des Nahen Ostens verändern. Warum sollte da Aserbaidschan abseitsstehen? Der rührige Rabbiner Mark Schneier erklärte bereits im Januar 2019, dass sich Israel und die Araber eigentlich bestens verstünden. Nun sieht er sich bestätigt und sagt, es sei just diese Sonderbeziehung zu Baku gewesen, die als Muster gedient habe für die Abkommen mit den Golfarabern und dem Sudan. Auch das Lob der Amerikaner ist Netanyahu gewiss. Seit den frühen neunziger Jahren ermutigt Washington die israelisch-aserbaidschanisch-amerikanische Entente. Das wird sich auch unter Joe Biden nicht ändern.

https://www.nzz.ch/international

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